Als hätte es keine Krise gegeben: Der IT-Projektmarkt 2010
Ein Rückblick auf die wichtigsten Entwicklungen des letzten Jahres
Rückblick: Projektmarktbericht 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 (Februar 2011)
Inhalt dieses Artikels:
Der IT-Projektmarkt 2010 in Zahlen: Krise? Welche Krise? | Blick in die Glaskugel: Prognose für 2011 | Die Nachfragen in einzelnen Branchen 2010 | Stundensätze: Um einen Euro gestiegen & Bezahlprobleme | Recht & Steuern: Scheinselbstständig und DL-InfoV | Rund ums Projekt: Immer mehr ältere IT-Freiberufler und IT-Luftblasen 2010 | Interna: Umsatzsteigerung und neuer Geschäftsführer in der Schweiz | Membership Partner: getDigital, Deutsche Bahn und Maritim Hotels
Meistens haben es IT-Freiberufler ganz gut im Gefühl, wie es dem IT-Projektmarkt geht – anhand der Zahl der Anfragen, die sie bekommen, oder des Stundensatzes, den sie durchsetzen können. Dennoch ist es gut, das „große Ganze“ im Blick zu haben. Wenn es dem Projektmarkt gut geht und die Projekte trotzdem ausbleiben, sollte die eigene Marktposition überprüft werden. Wer länger von einem Kunden beauftragt wird, bekommt nicht immer mit, was draußen so vor sich geht. Der GULP IT-Projektmarktbericht ist dazu da, Sie zu informieren, wo der Markt steht und wie er sich im Vergleich zu den Vorjahren verhält. Daraus lässt sich dann sogar eine Prognose versuchen, wie es weitergehen wird. Gleichzeitig ist der Bericht ein Rückblick darauf, was sich 2010 in der GULP Knowledge Base ereignet hat.
Der IT-Projektmarkt 2010 in Zahlen: Krise? Welche Krise?
Das zweite Halbjahr 2010 war für die eingetragenen IT-Spezialisten das zweitbeste überhaupt in der Geschichte von GULP. In der zweiten Jahreshälfte 2010 gingen genau 73.319 Projektanfragen über GULP an IT-Freelancer. Mehr waren es nur im zweiten Halbjahr 2008 – dem Rekordjahr. Insgesamt wurden 2008 147.385 Anfragen an IT-Selbstständige geschickt, im Jahr 2009 nur noch zwei Drittel dieser Summe (99.630). Das Jahr 2010 tut nun so, als wäre das Krisental 2009 gar nicht da gewesen – und schwingt sich mit 134.669 Projektangeboten hinauf in alte Höhen. Nach Adam Riese macht das etwa 11.222 Anfragen pro Monat. Der schwächste Monat war dabei der Januar mit 8.187 Angeboten, der stärkste der November mit 13.319. Das waren 32 Prozent mehr Anfragen als im November 2009 und endlich mal wieder ein Sprung über die 13.000er-Marke. Den letzten konnte GULP im August 2008 verzeichnen. Davor gab es in der vierzehnjährigen Geschichte von GULP nur sechs weitere Monate, bei denen die Anzahl Projektanfragen jenseits der 13.000 lag.
Dass das Jahr 2009 den stetigen Nachfragezuwachs nach selbstständigen IT-Beratern zwar unterbrochen, aber nicht gebremst hat, zeigt noch deutlicher eine Grafik der Anzahl der Projektanfragen pro Monat seit 2003:
Blick in die Glaskugel: Prognose für 2011
Dementsprechend wagen wir uns auch an eine Prognose für das Jahr 2011 – in einer optimistischen und einer pessimistischen Variante. Beide Werte haben wir aus den Daten errechnet, die der GULP IT-Projektmarktindex seit 1998 auswertet – kombiniert mit den normalen saisonalen Schwankungen.
Ist das Glas „halb voll“, würde das Jahr 2011 mit 156.125 Projektanfragen abgeschlossen – also 21.456 mehr als 2010. Ist das Glas „halb leer“, könnte am Jahresende eine Bilanz von 144.715 Angeboten stehen. Das wäre dann ein monatlicher Durchschnitt von 12.059 oder 13.010 Anfragen, also in beiden Fällen ein erfolgreiches Jahr. Sie wissen ja, wie das ist: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ (unbekannter Herkunft).
Die Nachfragen in einzelnen Branchen 2010
Wie verlief das Jahr 2010 in einzelnen Branchen? Vier Beispiele.
Automotive: Boombranche
Automotive ist ganz klar die Boombranche (wie wir auch in einer vierteiligen Marktstudie festgestellt haben). Auf einen Blick ist ersichtlich, wie weit in der Grafik die hellblaue 2010-Linie über der dunkleren 2009-Linie liegt. Klar, die Krise 2009 traf die Automotive-Branche besonders hart. So rasant es damals bergab ging, so schnell ging es 2010 wieder hinauf. Bereits im Juni 2010 meldete die deutsche Autoindustrie, die schwere Krise überwunden zu haben. Von einem "phänomenalen Aufschwung“ war damals in den Medien die Rede, zurückzuführen vor allem auf die steigende Nachfrage in den Absatzmärkten Amerika und China. Auch an der Börse ging es nach oben. Binnen eines Jahres hatte sich damals beispielsweise der Wert der Daimler-Aktie verdoppelt. Von diesem Aufschwung war die Bedeutung der Automotive-Branche im IT-Projektmarkt natürlich nicht ausgenommen.
Telekommunikation: 2010 besser als 2009
Auch in der Telekommunikations-Branche waren IT-Freiberufler 2010 anteilsmäßig häufiger gesucht als 2009. In dieser Branche scheint die Krise allerdings schon im September 2009 vorüber gewesen zu sein – zumindest was die Nachfrage nach externem IT-Personal betrifft. Aus den beiden Kurven lässt sich ablesen, dass sich damals der Projektstau auflöste. Auf die „lange Bank“ geschobene Projekte wurden wieder angepackt.
Banken & Finanzdienstleister: Stabil
Der Krise trotzte die Banken- und Finanzbranche. Der Anteil an Projektanfragen, in denen IT-Freelancer für Banken oder Finanzdienstleister gesucht wurden, blieb 2009 auf einem stabil hohen Niveau – es gab gerade in den Banken Umstrukturierungsarbeiten zu leisten. Daran liegt es wohl auch, dass der Anteil an Projektanfragen 2010 ein bisschen niedriger liegt – der Unterschied ist jedoch marginal.
Stundensätze: Um einen Euro gestiegen & Bezahlprobleme
Im August 2009 waren die Stundensatzforderungen der IT-Freiberufler um einen Euro auf 70 Euro gesunken. Im Februar 2010 konnten sie sich noch nicht wieder davon erholen. Im August gab es dann die gute Nachricht: Die IT-Selbstständigen hatten ihre Honorarvorstellungen wieder um einen Euro angehoben - eine Konsequenz aus der seit Ende 2009 zunehmenden Nachfrage nach externer Projektunterstützung.
Dass die Stundensätze der IT-Freelancer künftig weiter steigen werden, meinte die Mehrheit der Freiberufler und Projektanbieter, die an einer GULP Umfrage im November und Dezember 2010 teilgenommen haben. Allerdings könnte sich bald die Diskrepanz zwischen Stundensatzforderungen und gezahlten Honoraren vergrößern.
Sie haben höhere oder niedrigere Stundensätze erzielt? Andere Erfahrungen mit den Stundensätzen gemacht? Tragen Sie die Daten Ihres aktuellen oder abgeschlossenen Projekts in die Liste "Stundensätze in der Praxis" ein.
Die Stundensätze einiger Freiberufler mit speziellen Skills hat GULP letztes Jahr gesondert unter die Lupe genommen. Heraus kam zum Beispiel, ...
- dass die Stundensatzforderungen der bei GULP eingetragenen selbstständigen Business-Intelligence-Experten im Schnitt bei 85 Euro liegen – also ganze 14 Euro über dem Durchschnitt.
- dass in der Automotive-Branche selbstständige SIL-Spezialisten in der GULP Datenbank im Schnitt 67 Euro pro Stunde verlangen, bei HIL sind es durchschnittlich 65 Euro – ebenso viel wie bei den freiberuflichen Matlab/Simulink-Experten.
- wird in der Automotive-Branche die Kenntnis eines Echtzeitbetriebssystems verlangt, ist es in 48,7 Prozent OSEK-OS. Weitere 31,6 Prozent entfallen auf Windows CE.
- dass selbstständige DOORS-Spezialisten im Schnitt eine Honorarforderung von 68 Euro in ihr GULP Profil eingetragen haben.
- dass im Ranking der zehn lukrativsten Branchen für IT-Freiberufler „Banken und Finanzinstitute“ den ersten Platz belegt. Den zweiten Platz teilen sich „Elektronik“ und „IT“. Die Automotive-Branche landete auf dem sechsten Rang – ist aber nach einer GULP Kurzumfrage (ganz knapp) die beliebteste Branche bei IT-Selbstständigen.
- dass die hohen Honorare der Schweizer IT-Freelancer Mitte 2010 nicht mehr ganz so hoch waren wie 2009 – aber weiterhin mehr als überdurchschnittlich.
- dass Selbstständige im Embedded-Bereich im Schnitt 64 Euro pro Stunde verlangen – ebenso viel wie freiberufliche Konstrukteure.
Außerdem haben wir uns damit auseinandergesetzt, was ein Freiberufler unternehmen kann, wenn der Projektanbieter nicht zahlt. Wie Selbstständige welchen Vorwand (fehlerhafte Rechnung, Leistung mangelhaft etc.) kontern, lesen Sie im Artikel „Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf – mir aber nicht“.
Recht & Steuern: Scheinselbstständig und DL-InfoV
Zum 1. Januar 2010 traten die neuen EU-Regelungen zur Mehrwertsteuer in Kraft, die Auswirkungen auf das deutsche Umsatzsteuerrecht hatten. Die Neuregelung betrifft grenzüberschreitende Dienstleistungen im B2B-Bereich, das heißt, Dienstleistungen, die an einen unternehmerischen Leistungsempfänger erbracht werden, der seinen Sitz oder seine Betriebsstätte im Ausland hat. Die jeweiligen Unternehmen müssen ihr Rechnungswesen anpassen.
Natürlich gab es auch Neues zu den Dauerbrenner-Themen Scheinselbstständigkeit und Freiberuflichkeit:
- Klage gegen Statusfeststellungsverfahren: IT-Freiberufler als selbstständig anerkannt
- Neue Chancen für die Freiberuflichkeit im IT-Bereich: Bundesfinanzhof definiert den Begriff der ingenieurmäßigen Tätigkeit neu
Wie setzt ein Freiberufler seine Fahrtkosten richtig von der Steuer ab? Wann gilt die Entfernungspauschale? Wann können Reisekosten abgesetzt werden? Ein Urteil des Bundesfinanzhofs hatte Mitte 2009 frischen Wind in die Regelungen gebracht. 2010 sind wir dem in einem Artikel noch einmal nachgegangen.
Seit Mai 2010 gilt die neue DL-InfoV, eine Verordnung zu Informationspflichten für Dienstleistungserbringer. Die DL-InfoV regelt, welche Informationen Dienstleister ihren Kunden zur Verfügung stellen müssen. Zuerst einmal sorgte die Verordnung für große Verwirrung. Ihre Auswirkungen waren dann aber scheinbar doch nicht so umfassend wie befürchtet.
Das "Elterngeld" gibt es seit Anfang 2007. Natürlich können es auch IT-Selbstständige mit Kindern beziehen. Man muss nur wissen wie – und was man dabei nicht machen darf (zum Beispiel während der Elternzeit zu viel nebenbei verdienen).
Das gerade begonnene Jahr 2011 hat schon sein erstes Aufreger-Thema: Zum 1. Januar 2011 änderte sich einiges an den Versicherungsbedingungen der freiwilligen Arbeitsversicherung für Selbstständige. Neben geänderten Kündigungsfristen bedeutet das für Selbstständige vor allem höhere Beiträge. 2012 werden sich die Beiträge voraussichtlich noch einmal verdoppeln. 17 Prozent der Teilnehmer an einer GULP Umfrage kündigten ihre freiwillige Weiterversicherung.
Was 2011 in steuerlicher Hinsicht sonst noch bringt, lesen Sie im GULP Steuer-Update für Selbstständige und Unternehmer.
Rund ums Projekt: Immer mehr ältere IT-Freiberufler und IT-Luftblasen 2010
Im Juli 2010 fragten wir uns, warum es immer mehr ältere IT-Selbstständige gibt. Wir fanden einige Gründe dafür, allen voran die demografische Entwicklung. Die Freiberuflichkeit als Arbeitsform verliert in Deutschland nicht an Beliebtheit. Die Zahl der Studierenden in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) nimmt nicht ab, dennoch stehen deutlich weniger Informatik-Absolventen zur Verfügung als benötigt. Das heißt, junge Informatiker, die eine Festanstellung suchen, werden die in der Regel auch finden. Überdies stehen die Chancen gut auf eine Angestelltenposition, die ihren Wünschen nach Flexibilität und flachen Hierarchien entspricht. Desweiteren ist das unternehmerische Risiko bei erfahrenen IT-Freelancern mit Referenzkunden und so weiter eben geringer. Aber, ganz wichtig: Junge IT-Freiberufler sollten sich nicht entmutigen lassen.
Wir haben auch 2010 die IT-Trends, die in aller Munde lagen, daraufhin abgeklopft, ob sie Luftblasen oder ernst zu nehmen sind. In einer Umfrage stimmte die Mehrheit der GULP Nutzer dafür: Mobile Anwendungen, Virtualisierung und effizientere Rechenzentren werden Auswirkungen auf den IT-Projektmarkt haben. Aber bei Social Computing, Client Computing und Advanced Analytics kam als Antwort: Plopp.
Dann wollten wir die Frage klären, ob IT-Freiberufler besonders Stress- und Burnout-gefährdet sind. Wir haben zwei Experten sprechen lassen, einen Arzt und eine Burnout-Forscherin der Universität Dortmund.
Weitere beispielhafte Ergebnisse unserer Umfragen und Studien in Kürze:
- Mehr als 80 Prozent der IT-Freiberufler nutzen das Internet im Projekt zwar für private Zwecke, aber 39 Prozent nur maximal eine Viertelstunde am Tag.
- 68 Prozent der IT-Selbstständigen sind der Meinung, Coworking – die neue Art der Bürogemeinschaft – ist nichts für sie.
- Ein Fünftel der IT-Freiberufler arbeitet jedes Wochenende.
- Das durchschnittliche Zahlungsziel, das Freiberufler mit ihrem Auftraggeber im aktuellen oder letzten Vertrag vereinbart haben, liegt bei 21,6 Tagen.
Interna: Umsatzsteigerung und neuer Geschäftsführer in der Schweiz
Im März 2010 konnte die GULP Gruppe eine erneute Umsatzsteigerung melden – trotz schwierigem Marktumfeld. Durch eine höhere Anzahl an Projektvermittlungen konnte GULP einen höheren Umsatz erzielen. Insgesamt hat GULP 2009 einen Umsatz von 105,0 Millionen Euro erwirtschaftet – das ist ein Plus von 19,2 Prozent gegenüber 2008.
Anfang April 2010 bekam die GULP Schweiz AG mit Sitz in Zürich einen neuen Geschäftsführer, Michael Wanner. Der Schweizer blickt auf über 15 Jahre Erfahrung im IT-Bereich, elf Jahre im Vertrieb und sechs Jahre im Personalagentursektor zurück.
Aus der "Lünendonk-Marktsegmentstudie 2010: Der Markt für Rekrutierung, Vermittlung und Steuerung freiberuflicher IT-Experten in Deutschland" ging im Sommer 2010 hervor, dass GULP 2009 den größten Umsatz-Zuwachs unter den Top 10 im analysierten Markt erzielte. Grund für den Zuwachs bei GULP war die gestiegene Anzahl der Projektvermittlungen im Agenturbereich: 2009 waren 1.964 IT-Freiberufler in Projekten tätig, die über die Personalagenturdienste von GULP vermittelt wurden, und damit 17,3 Prozent mehr als im Jahr 2008.
Membership Partner: getDigital, Deutsche Bahn und Maritim Hotels
Auch die GULP Membership, der kostenpflichte Premium-Dienst für IT-Selbstständige mit GULP Profil, wurde 2010 um einige neue Dienste erweitert. Über 5.500 GULP Member profitieren schon von den Tools, die sie vor allem bei der Projektakquise unterstützen, und den zusätzlichen Einkaufsvergünstigungen.
Als Beispiel drei neue Dienste aus dem Bereich „Partner“:
- GULP Member erhalten 10 % Rabatt auf das komplette Shop-Sortiment des Online-Shops getDigital.
- Auch die Deutsche Bahn hat GULP Membern etwas zu bieten: Wer den GULP Premium-Dienst gebucht hat, zahlt pauschal 99 Euro für die Hin- und Rückfahrt von/zu jedem DB-Bahnhof, an allen Wochentagen.
- Wer mal auswärts übernachten muss, profitiert von dem neuen Angebot der Maritim Hotels: GULP Member erhalten 10 Prozent Rabatt auf die verfügbaren Tagesraten der Maritim Hotels.
- Außerdem erhalten GULP Member 20 Prozent Rabatt auf alle UNICO E-Books. Die E-Books der UNICO Media GmbH sind ideal für das Selbststudium von CATIA V5.
GULP verdient an solchen Angeboten natürlich nichts, wir reichen alle Vergünstigungen eins zu eins an die GULP Member weiter.
Das war das Jahr 2010 bei GULP und im IT-Projektmarkt. Und wie war Ihres? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.




