„Ich sehe es kritisch, auf allen Hochzeiten tanzen zu wollen.“

Interview mit dem iOS-Entwickler Christian Unbehaun, der wesentlich daran beteiligt war, die 75.000er-Marke zu knacken

(März 2011)

 

Christian Unbehaun

Im Februar 2011 hat der GULP Kandidatenpool die 75.000er-Marke geknackt. Genau 75.080 IT/Engineering-Freiberufler sind derzeit mit ihrem Skill-Profil bei GULP eingetragen. Wir konnten einem der Freiberufler, die sich im Februar eingetragen haben, ein paar Fragen stellen: einem Softwareentwickler für iOS (iPhone und iPad). Passend zur Marktstudie über mobile Apps, die wir letzte Woche veröffentlicht haben, bekamen wir von ihm Antworten aus der Praxis.

Christian Unbehaun +++ B. Sc. Mediensysteme +++ freiberuflich seit 2007 +++ GULP Profil seit Februar 2011 +++ Fachlicher Schwerpunkt: „Softwareentwicklung iOS (iPhone und iPad), Berater für Mac OS X, objektorientierte Entwicklung (OOA, OOD, OOP)“

Christian Unbehaun

GULP: Herr Unbehaun, seit wann sind Sie selbstständig?

Unbehaun: Meine selbstständige Tätigkeit begann ich direkt nach dem Studium im Jahr 2007. Mobile Apps entwickle ich seit Anfang 2010.

GULP: Wie kam es dazu, dass Sie sich direkt nach dem Studium selbstständig gemacht haben? Das ist ja eher selten...

Unbehaun: Die Entscheidung, mich selbständig zu machen, traf ich zum Ende meines Studiums. Damals machte mich ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bauhaus-Universität Weimar (und gleichzeitig Bootsbesitzer) darauf aufmerksam, dass es für kleine Boote und Yachten keine Multimedia-PCs gab, deren Hardware für den Einsatz in rauer Umgebung geeignet war. So entstand die Idee, eine Firma zu gründen, die ein solches Gerät entwickelt und vermarktet.

Direkt nach Ende des Studiums im Herbst 2007 begann ich mit einem ehemaligen Kommilitonen, einen Linux-basierten Tablet-Computer (wasserdicht, schockresistent u.a. durch SSD-Speicher, Bedienung über Touchscreen) zu entwickeln. Wir wurden mit einem Gründerstipendium unterstützt, entwickelten einen ersten Prototypen, gewannen Preise für das innovative Konzept und wurden zu Investorenveranstaltungen eingeladen. Mitte 2009 hatten wir die Zusage über Dreiviertel der benötigten Startsumme.

Durch die Wirtschaftskrise wurde die Suche nach den verbleibenden 25 Prozent plötzlich sehr schwer. Die angesprochenen Investoren glaubten außerdem nicht an den Erfolg eines Tablet-Computers und sahen die Zukunft in günstigen Netbooks... Ende 2009 mussten wir deshalb das Projekt beenden. Im Januar 2010 stellte dann Apple einen Tablett-Computer mit Touchscreen und SSD vor.

Das Ende des ursprünglichen Gründungsprojektes war gleichzeitig der Startschuss für die neue Tätigkeit: App-Entwicklung. Heute freue ich mich, nicht mit dem iPad konkurrieren zu müssen, sondern damit meine Brötchen verdienen zu können.

GULP: Die Investoren sind jetzt wohl eines Besseren belehrt worden. Was schätzen Sie an der Selbstständigkeit?

Unbehaun: Am meisten schätze ich, dass ich mein eigener Chef bin und meine Tätigkeit frei gestalten kann. Alle bisherigen Projekte waren sehr interessant und abwechslungsreich. Ich freue mich jeden Tag auf meine Arbeit.

GULP: Ihre Arbeit – was ist das genau? Was ist ihr fachlicher Schwerpunkt und welche Tätigkeiten üben Sie in Projekten aus?

Unbehaun: Mein Schwerpunkt ist die Auftrags-Entwicklung von iPhone- und iPad-Apps. In bisherigen Projekten habe ich zum Beispiel Kunden beraten, die Software-Architektur entworfen und implementiert. Neben der App-Entwicklung im Kundenauftrag entwickle und vermarkte ich meine eigenen Apps. Zusätzlich biete ich Beratung, Schulung und Training für Mac OS X Nutzer in meinem eigenen Schulungsraum an.

GULP: Welche Apps entwickeln Sie?

„Ich entwickelte eine Anwendung im Bereich Smart Metering, mit der Endverbraucher ihre Strom-/Gas-/Wasserverbräuche auswerten können.“ Unbehaun: Unter anderem entwickelte ich im Kunden­auftrag eine Anwendung im Bereich Smart-Metering, mit der Endverbraucher ihre Strom-/Gas-/Wasserverbräuche und damit verbundenen Kosten jederzeit bequem über ihr iPhone oder iPod Touch ablesen und auswerten können.

Eine weitere App entwickelte ich für ein Thüringer Event-Magazin. Diese Anwendung liefert aktuelle Event-News und ermöglicht eine Suche nach Veranstaltungen jeder Art. Mögliche Suchparameter sind der Zeitraum, Ort, die Veranstaltungsrubrik und Suchwörter. Die Suche berücksichtigt auf Wunsch des Benutzers dessen aktuelle Position.

Ein weiteres Projekt war die Entwicklung eines Kredit-Raten-Rechners für Annuitätendarlehen. Die Anwendung gibt einen schnellen Überblick über die Rate, Restschuld und die Summe der Zinsen.

Zuletzt habe ich für ein Softwareunternehmen eine Benutzeroberfläche für das Shop-Modul eines E-Book-Readers entwickelt.

GULP: Warum arbeiten Sie eigentlich im Bereich iPhone/iPad und nicht z.B. Android?

Unbehaun: Als ich im vergangenen Jahr mit der Entwicklung mobiler Apps begann, bot Apple meines Erachtens nach die besten Bedingungen: Der Markanteil iOS-basierter Geräte lag deutlich über dem von Android-Geräten. Es gibt nach wie vor einen zentralen Markt für iPhone-/iPad-Apps, während es für Android-Apps mehrere Märkte gibt. Damit ist die Vermarktung der iOS-Apps deutlich einfacher.

Ein wesentlicher Vorteil für einen unerfahrenen Entwickler ist die gut integrierte Entwicklungsumgebung Xcode und die sehr gute Dokumentation, die Apple zur Verfügung stellt.

Wichtig ist, die Trends zu beobachten und gegebenenfalls eine weitere Plattform ins Portfolio aufzunehmen. In den letzten zwölf Monaten wurde auch die Entwicklungsumgebung für die Android-Plattform deutlich weiterentwickelt und die Nachfrage nach App-Entwicklern für Android und Windows Phone 7 sowie HTML 5 steigt.

„Ich sehe es kritisch, auf allen Hochzeiten tanzen zu wollen.“ In den letzten Projektangeboten auf GULP wurde von den Kunden immer häufiger nach Entwicklern gesucht, die möglichst für mehrere Plattformen entwickeln können. Ich sehe es jedoch kritisch, auf allen Hochzeiten tanzen zu wollen. Möglicherweise leidet dann die Qualität der Produkte.

GULP: Wie kann der Weg in Ihren Tätigkeitsbereich aussehen? Was muss man können, lernen oder studieren?

Unbehaun: Als notwendige Fähigkeiten sehe ich:

  • analytisches und strukturiertes Arbeiten, wie bei Programmierern üblich
  • Erfahrung mit objektorientierter Analyse/Design/Programmierung
  • Kenntnisse im Bereich Interface-Entwicklung sind von großem Vorteil
  • umfassende Kenntnisse der Systemarchitektur und vorhandenen APIs

Einen festen Bildungsweg kann man für Entwickler von mobilen Apps nicht festlegen. Jedoch empfiehlt sich ein Studium mit entsprechendem Schwerpunkt oder eine Berufsausbildung zum Programmierer. Ideal finde ich ein interdisziplinäres Studium wie zum Beispiel Mediensysteme/Medieninformatik mit Ausbildung in den Bereichen Betriebssysteme, Wahrnehmungspsychologie, Interfacedesign, Medienrecht und Gestaltung.

GULP: Was denken Sie – was sind die drei wichtigsten Qualifikationen und Skills, wenn man in Ihrem Bereich als Selbstständiger arbeiten möchte?

Unbehaun: Neben guten Programmierkenntnissen sehe ich als wichtigste Voraussetzung ausgeprägte Soft Skills:

„Die Kunden wollen umfassend und verständlich beraten werden.“ In meiner kurzen Laufbahn als App-Entwickler habe ich bereits mit mehreren Kunden zusammengearbeitet. Das Zusammen­spiel Zusammenarbeit mit Entwicklerteams in Software­unternehmen erfordert Teamfähigkeit und gleichzeitig selbstständiges und zielorientiertes Arbeiten. Die direkte Zusammenarbeit mit Kunden erfordert vor allem hohe Kommunikationsfähigkeit. Die Kunden wollen über die Möglichkeiten (und Reglementierungen) bei der Entwicklung ihrer Apps umfassend und verständlich beraten werden.

GULP: Android, iOS, Windows Mobile: Welches mobile Betriebssystem wird sich Ihrer Meinung nach durchsetzen?

Unbehaun: Momentan sehe ich vier große Player, die sich den Markt aufteilen werden: Apple mit iOS, Google mit Android, Microsoft/Nokia mit Windows Phone 7 sowie RIM. Welches Betriebssystem die meisten Marktanteile gewinnt, wird von mehreren Faktoren abhängen: dem Preis und der Bedienbarkeit der Geräte, von der Erreichbarkeit und dem Angebot der App-Märkte für die Nutzer und den Restriktionen seitens der Hersteller.

GULP: Können Sie der Marktstudie von GULP zustimmen, die sagt, dass Mobile-Apps-Projekte ein Markt mit Zukunftschancen sind? Wird es gar einen App-Hype geben?

Unbehaun: Ich denke, der Hype hat schon begonnen. Immer mehr Unternehmen erkennen die Chancen dieses Marktes und die Notwendigkeit, hier mit innovativen Apps zu partizipieren. Für mich stellt sich hier eine Parallele zur Entwicklung und Verbreitung des Internet in den späten 90ern und vor allem seit Web 2.0 dar. Die meisten großen Unternehmen entwickeln ihren Webauftritt und die angebotenen Dienste kontinuierlich weiter. Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich im Bereich mobile Apps. Für den Entwickler mobiler Apps bedeutet die schnelle Weiterentwicklung der Technologien und mobilen Betriebssysteme, seine Fähigkeiten ständig zu erweitern und flexibel auf Trends zu reagieren.

„Ich glaube nicht, dass Symbian noch eine große Rolle spielen wird.“ Die Marktstudie ist sehr umfangreich und enthält viele interessante Zahlen zur Verteilung der gelisteten Entwickler und vor allem zur Nachfrage nach Entwicklern für die verschiedenen Plattformen. Die Zukunft sehe ich ähnlich positiv. Deswegen bin ich dabei. :-)

Kleine Anmerkung zum Fazit: Da Nokia auf seine kommenden Smartphones Windows Phone installieren wird, glaube ich nicht, dass Symbian noch eine große Rolle spielen wird.

GULP: Herr Unbehaun, ganz herzlichen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben!

Mehr Informationen zum Thema bei GULP:

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Kommentare zu diesem Artikel:

"Interessanter Einblick... (März 2011)"

"Toller Artikel, auch für mich als iPhone Entwickler (März 2011)"

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