Freiberufliche Test-Spezialisten: Hohe Stundensätze, gute Chancen
Unternehmen investieren vermehrt ins Testen – aber ein Ressourcenengpass ist nicht in Sicht
(Mai 2011)
„Die Sparzwänge im Jahr 2010 haben in vielen Projekten den Zwang erzeugt, eine weitreichende Automatisierung zu fordern und umzusetzen. Dieser Fortschritt schafft größere Effektivität und Raum für neue Optimierungen.“ So steht es in der Broschüre zum 6. Neu-Ulmer Test-Engineering-Day, der am 25. Mai stattfand. Um zu optimieren, würde jetzt wieder mehr in den Testing-Bereich investiert, heißt es. Aber die Unternehmen stünden beim Testen mittlerweile vor einem Ressourcen-Engpass: Der Arbeitsmarkt sei leergefegt, so die Veranstalter. Wie steht es denn um die Nachfrage nach selbstständigen Test-Spezialisten? Eins vorweg: Ein regelrechter Ansturm auf Tester wird aus den GULP Daten nicht ersichtlich – auch wenn der Bedarf tatsächlich steigt. Von einer Knappheit kann aber noch nicht gesprochen werden.
Die Daten für diese Marktstudie lieferten die Profile der in die GULP Datenbank eingetragenen IT-Spezialisten, der GULP Trend Analyzer und die über GULP an Freelancer zugestellten Projektanfragen.
Die wichtigsten Daten im Überblick:
| Durchschnittswerte | Selbstständige Test-Experten |
Alle bei GULP eingetragenen Freiberufler |
|---|---|---|
| Stundensatzforderung | 75 Euro | 72 Euro |
| Alter | 46 Jahre | 44 Jahre |
| Berufserfahrung | 20 Jahre | 20 Jahre |
Für diese Marktstudie wurden, wie schon im Jahr 2009, die wirklichen Test-Spezialisten herausgefiltert, die plattform- und systemunabhängig Software- oder Hardware-Tests durchführen. Für die Analyse von Alter, Stundensatz, Berufserfahrung und Herkunft der Spezialisten wurden unter anderem die Profile von Testern, ITQB-zertifizierten IT-Freiberuflern, Test-Managern sowie Spezialisten für Last- und Performance-Tests oder Test-Automatisierung ausgewertet.
Verteilung der Test-Spezialisten auf die
unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche:
| Testfall/Testszenario | 32,6% |
| Integrationstest | 23,1% |
| Testmanager/Testleiter | 14,7% |
| Test-Automatisierung | 14,5% |
| Last-/Perfomancetest | 7,9% |
|
ISTQB o.ä. Zertifizierung wie z.B. ASQF oder ISEB |
7,2% |
Dabei können Tester sowohl aus dem Ingenieur- als auch aus dem Informatik-Bereich kommen. Tilo Linz, der Präsident des German Testing Boards, sagte in den VDI-Nachrichten vom 29. April 2011: „Ich schätze, dass 30 bis 40 Prozent der Certified-Tester-Zertifikate an Ingenieure vergeben werden, 50 Prozent an Informatiker und 10 bis 20 Prozent an Personen aus kaufmännischen Berufen.“ In den klassischen Ingenieursbranchen wie zum Beispiel der Automobilindustrie seien es eher die Ingenieure, die Tests durchführen.
Stundensatzforderungen überdurchschnittlich
Egal ob Ingenieur oder Informatiker: Im Schnitt fordern selbstständige Test-Spezialisten bei GULP einen Stundensatz von 75 Euro, und damit drei Euro mehr als der Durchschnitt. Während 29,5 Prozent der Tester Stundensätze zwischen 80 und 100 Euro fordern, sind es bei allen Selbstständigen nur 23,7 Prozent. Das ist die erste interessante Information: Testing ist ein lukratives Betätigungsfeld für IT/Engineering-Selbstständige. Zum Vergleich seien hier noch einmal die Mobile-Apps-Spezialisten erwähnt, die in der letzten GULP Marktstudie analysiert wurden. Sie verlangen durchschnittlich 68 Euro pro Stunde.
Die zweite interessante Information in punkto Stundensätze wird im Vergleich mit den Honorarvorstellungen im Jahr 2009 deutlich: Damals forderte eine starke Mitte von 30,9 Prozent Stundensätze zwischen 79 und 80 Euro. Nun sind es nur noch 25,8 Prozent. Die gut fünf Prozentpunkte, die dazwischen liegen, haben sich auf alle anderen Stundensatzgruppen verteilt – vor allem aber auf die höherpreisigen. 2009 forderten 33,7 Prozent der Tester Honorare über 80 Euro. Aktuell sind es 37,1 Prozent. Das starke Mittelfeld hat sich etwas aufgelöst, Tester verlangen mehr als noch vor zwei Jahren.
Natürlich sind die geforderten Stundensätze von Tätigkeit, Position und Erfahrung abhängig. Beispiele für unterschiedliche Rollen und Tätigkeiten von Testern aus der GULP Datenbank:
- Fachlicher Schwerpunkt: „Abnahme, Inbetriebnahme, Softwaretest, Softwareprüfung, Qualitätsmanagement“; Projekt z.B. „Softwareprüfer/Abnahmeprüfer für elektronische Stellwerke“
- Fachlicher Schwerpunkt: „Qualitätssicherung; Testmanagement; funktionales autom. Testen; Last- und Performancetests im SAP und Web-Umfeld“, Projekt z.B. „Erstellung eines Performancetest Konzeptes für die Neueinführung einer ORMS/Siebel Infrastruktur“
- Fachlicher Schwerpunkt: „Qualitäts- und Testmanagement, Testautomatisierung, VBA-Programmierung, Projektmanagement, Teamleitung“, Projekt z.B. „Testmanager bei Migration des Kernbanksystems auf OSPlus“
- Fachlicher Schwerpunkt: „IT-Governance, Quality Management, Project Assurance, Project Management, Process Improvement, Project Coaching, Test Management, Business Analysis“, Projekt z.B. “Einführung von Testplanung gemäß IEEE 829, Definition des Defect Management Prozesses für das Test Management mit HP Quality Center”
Nachfrage steigt seit Jahren
Für die Analyse der Nachfrage wurden diejenigen der über GULP an Freiberufler zugestellten Projektanfragen herausgefiltert, in denen zum Beispiel nach Testern, Test-Spezialisten, Test-Designern, Test-Managern oder Test-Koordinatoren gesucht wurde. In 6,3 Prozent aller über GULP verschickten Projektanfragen wurden etwa im April solche Test-Experten gesucht. Der Skill „Test“ alleine wurde in 13,9 Prozent der Projektanfragen gesucht – darunter finden sich dann aber zum Beispiel viele Software-Entwickler, die ihren selbst programmierten Code im Anschluss testen, um die Qualität sicherzustellen. Diese sind nicht Gegenstand dieser Marktstudie, weil sie keine ausgewiesenen Test-Experten sind, die sich eben vor allem darauf konzentrieren. Aussortiert wurden somit Anfragen wie „Entwicklung, Implementierung und Test von Integrationslösungen auf der Basis von SAP Netweaver PI“. Sehr wohl gezählt wurden Anfragen wie „Modultester (m/w) mit Tessy-Knowhow gesucht“.
Selbstständige Tester sind gefragt, Tendenz steigend
Mit dieser Selektion sieht die Nachfrage folgendermaßen aus: In den letzten zwölf Monaten wurden im Schnitt in sieben Prozent aller Projektanfragen über GULP freiberufliche Test-Spezialisten gesucht. Die langfristige Tendenz ist steigend: Nach einem kurzen Tiefpunkt Anfang 2009 (Januar 2009: 3,7 Prozent der Anfragen) nahm seitdem in der Tendenz der Anteil der Testing-Projektanfragen zu. Die 8,6 Prozent im November 2010 waren der höchste Wert der letzten vier Jahre. Selbstständige Tester sind also gefragt – mit der Option auf ein Mehr an Anfragen in der Zukunft.
Regionale Verteilung, Alter und Berufserfahrung der Tester
Wo sind Tester vor allem gefragt? Hier gibt es einen kleinen Unterschied zum IT-Projektmartkt im Allgemeinen. In den Postleitzahlen-Gebieten D6 (Frankfurt am Main, Mannheim) und D8 (München, Ingolstadt) sind ohnehin schon die meisten IT-Freelancer ansässig – doch bei den Testern sind es noch mehr. 42,5 Prozent der Test-Spezialisten kommen aus den beiden Regionen.
Übrigens ergab eine Auswertung der Projektanfragen pro Region, dass der Anteil der Tester in jeder Region in etwa dem Anteil der Projektanfragen dort auch entspricht. Eine ausgewogene Verteilung also, die Freiberuflern helfen dürfte, an Testing-Projekte zu kommen – immer vorausgesetzt, Skills, Erfahrungslevel und Stundensatz passen.
Etwas älter als der Durchschnitt, aber nicht erfahrener
Dabei sind selbstständige Tester übrigens etwas älter als der Durchschnitt aller bei GULP eingetragenen IT-Freiberufler, aber deswegen nicht berufserfahrener. Freiberufliche Tester sind im Schnitt 46 Jahre, alle IT/Engineering-Freelancer 44 Jahre alt. Beide Gruppen können durchschnittlich 20 Jahre Berufserfahrung vorweisen. Die Grafik der Altersverteilung zeigt die leichte Verschiebung: Während 32,4 Prozent der Tester 50 und älter sind, gehören nur 27,0 Prozent aller IT-Freiberufler zu dieser Gruppe.
Fazit: Verstärkte Investition in Testing
In einem Artikel der Zeitschrift CIO vom 4. Mai 2011 wird die Beratungsgesellschaft Pierre Audoin Consultants (PAC) zitiert. Es heißt: „Die Marktbeobachtungen von PAC zeigen, dass Unternehmen sich der Bedeutung des Software-Testing in den letzten Jahren bewusster geworden sind. Immer höher ist die Zahl an Unternehmen, die sich dabei nicht allein auf interne Testspezialisten und Key User verlassen wollen, sondern einen Teil der Testaufgaben bis hin zur kompletten Testorganisation in die Hände geeigneter IT-Dienstleister legt.“ Gründe für Unternehmen, in Test- und Qualitätsmanagement zu investieren, seien vor allem eine Optimierung der Qualität der Applikationen und Kostensenkungen.
Das ist beispielhaft nur eine der vielen Studien, die momentan verkünden, dass Testing vermehrt an Bedeutung gewinnt. Einen regelrechten Boom in der Nachfrage nach selbstständigen Testern gibt es noch nicht, auch wenn der Bedarf seit längerem kontinuierlich steigt. Die Stundensätze der freiberuflichen Test-Spezialisten liegen über dem Durchschnitt und höher als 2009, aber auch hier ist keine rasante und sehr starke Steigung zu verzeichnen – was wahrscheinlich aber der Fall gewesen wäre, wenn selbstständige Test-Experten derzeit extrem knapp wären. Aber was nicht ist, kann ja noch werden…











