Zwei Ingenieure für ein Interview, Teil 2
Warum Dienstverträge besser sind. Und: Wie Selbstständige ihren Stundensatz ermitteln.
Teil 1 | Teil 2
(Januar 2010)
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Inhalt dieses Artikels: Vertragsarten und Präferenzen | Top Secret | Blick in die Zukunft | Stundensatz ermitteln |
In Teil eins haben wir uns darüber unterhalten, welche Skills und Qualifikationen ein Ingenieur von heute braucht – und über die Selbstständigkeit als Berufsmodell. Im zweiten und letzten Teil der Serie geht es darum, warum Freiberufler Dienstverträge bevorzugen, warum Geheimhaltungspflichten kein Problem sind und, ganz wichtig, wie die zwei Diplom-Ingenieure ihren Stundensatz festlegen. Wie schätzen sie außerdem ihre beruflichen Zukunftschancen ein? Hier die Meinungen von Christian Bartl (Dipl.-Ing. Fahrzeugtechnik und Wirtschaftsingenieurwesen) und Wolfgang Jahn.
| GULP | Herr Bartl, welche Vertragsarten kommen für Ihre Tätigkeit grundsätzlich in Frage? |
| Bartl | Dienstvertrag und Werkvertrag. In der Konstruktion ist Arbeitnehmerüberlassung üblich. Meiner Erfahrung nach lässt sich aber nicht jede Kleinigkeit in Verträgen regeln und Quellen für Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten gibt es immer. Für eine konstruktive Zusammenarbeit ist gegenseitiges Vertrauen und Wohlwollen nötig. |
| GULP | Was ist denn Ihre bevorzugte Vertragsart? |
| Bartl | Direkte Dienstverträge mit dem Endkunden sind am vorteilhaftesten. Aber das ist fast utopisch: Die großen und interessanten Unternehmen reden nicht mit einzelnen Personen. Sie kaufen externe Mitarbeiter in der Regel über Personaldienstleister im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung ein. Ein Dienstvertrag ist deshalb interessant, weil ich nur meine Arbeitszeit bzw. -leistung zur Verfügung stellen muss. Vorher nicht erkennbare Schwierigkeiten, die zu höheren Kosten, oder Projektverzögerungen führen und Konventionalstrafen nach sich ziehen können, gehen dann nicht zu meinen Lasten. Beim Werkvertrag muss ich mich am Lastenheft messen lassen. Ich muss bereits bei der Angebotsabgabe beurteilen, ob ich das gewünschte Ziel in der vorgegebenen Zeit erreichen kann. Wenn ich mich verschätzt habe, sind Preisnachforderungen nur begrenzt zulässig und in der Regel auch nicht durchsetzbar. Bei Schulungen müsste der Erfolg durch Prüfungen nachgewiesen werden, das ist aber kaum üblich. |
| GULP | Herr Jahn, welche Erfahrungen haben Sie mit Verträgen gemacht? |
| Jahn |
Ich denke auch, dass eine offene, faire und ehrliche Kommunikation immer sehr wichtig ist. Ich bin zum Beispiel in einem Projekt während der Laufzeit krank geworden, konnte mich aber mit dem Kunden einigen. Ich hatte etwa die Hälfte der Leistung erbracht, er hat mir freiwillig die Hälfte des Geldes gegeben und wir haben einen Nachfolger eingearbeitet. Wenn ich einen Werkvertrag habe, bin ich für die endgültige Leistung verantwortlich und dass sie den Anforderungen des Kunden entspricht. Bekomme ich im Laufe des Projektes mit, dass ich es so nicht schaffe, muss ich offen mit dem Kunden darüber sprechen. Er muss sich dann für mögliche Alternativen entscheiden, wie zum Beispiel Nachtrag, Nachbesserung, Terminverschiebung, zusätzliche Unterstützung und/oder Projektanpassungen. |
| GULP | Ihre bevorzugte Vertragsart? | ||
| Jahn |
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| GULP | Im Engineering-Bereich ist die Geheimhaltung im Projekt immer ein Thema. Was sind Ihre Erfahrungen, Herr Bartl? |
| Bartl | Ausführliche Geheimhaltungsvorschriften sind Vertragsbestandteil, werden sehr eng ausgelegt und sind teilweise mit Vertragsstrafen belegt. Meine Schulungen sind sehr kundenspezifisch. Im Unternehmen hat man nicht die Zeit, sich in die unternehmensspezifischen Standards einzuarbeiten. Die Vorbereitung anhand unternehmenseigener Unterlagen muss deshalb auch zuhause erfolgen. Trotzdem darf niemand von diesen Inhalten Kenntnis erlangen. Da muss man sehr vorsichtig sein. |
| GULP | Herr Jahn, was ist Ihre Erfahrung mit Geheimhaltung? |
| Jahn | Ein Problem ergab sich bei mir damit noch nie. Meine Kunden verwenden meistens eigene spezifische Methoden und Regeln. Ich bin für die Automatisierungstechnik und die Mechatronik zuständig, zum Beispiel für Fertigungsanlagen. Jeder von diesen Herstellern hat einen eigenen Standard, den er kostenlos zur Verfügung stellt. Dafür ist ein Standard da, dass alles gleich aussieht und nicht jeder was Eigenes macht. Mag sein, dass es in anderen Bereichen wie der Motorentwicklung kritischer ist. |
| GULP | Wie sieht es mit Ihrem Wissen und Ihrem Know-how aus? |
| Jahn |
Was ich im Kopf habe, darf ich jederzeit anwenden. Aus meiner Erfahrung heraus entwickelte Lösungen sind zulässig. Natürlich wäre es schön, sich manchmal Zeit und Geld zu sparen, zum Beispiel wenn man eine 100-seitige Ausarbeitung über ein Thema vorliegen hat und 80 Prozent davon passen auch für die andere Firma. Man könnte den Kopf aus dem Word-Dokument heraus kürzen und die Fehler ein bisschen abändern und es abgeben. Nur: Erstens schneidet man sich da ins eigene Fleisch, denn das hilft nicht viel, weil die Ausarbeitung nicht an den neuen Kunden angepasst ist. Da gibt es so viele Unterschiede, auf die man erst kommt, wenn man es selbst ausarbeitet. Zweitens kommt das in meinem Bereich vielleicht alle fünf Jahre einmal vor, und dann wäre es schon wieder veraltet. Kunden und Standards sind oft "vielseitig". |
| GULP | Herr Bartl, wie schätzen Sie die Berufs- und Zukunftsaussichten in Ihrem Tätigkeitsgebiet ein? |
| Bartl | Letztens ist es mir passiert, dass ich einen Tag meine E-Mails nicht abgerufen habe und in dieser Zeit eine Anfrage kam. Als ich am nächsten Tag anrief, hieß es, das Projekt wäre bundesweit ausgeschrieben gewesen und schon vergeben. Um einen Auftrag zu bekommen, muss man jetzt und sofort ja sagen. Außerdem besteht ein starker Preisdruck, weil es jede Menge arbeitslose Konstrukteure gibt, die sich als Trainer zu Dumpingpreisen anbieten und das in einem Marktsegment, dessen Auftragsaufkommen inzwischen gegen Null geht. Geld läßt sich nur mehr mit seltenem Spezialwissen verdienen. |
| GULP | Wie denken Sie über die Chancen in Ihrem Bereich, Herr Jahn? | ||
| Jahn |
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| Stundensatz ermitteln |
| GULP | Herr Bartl, nach welchen Vorgaben, Richtlinien oder Anhaltspunkten richten Sie sich bei der Bestimmung Ihres Stundensatzes? | ||
| Bartl |
Es gilt den üblichen Marktpreis zu ermitteln.
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| GULP | Herr Jahn, wonach richten Sie sich bei der Festlegung Ihres Honorars? |
| Jahn | Nach Vergleichspreisen. Der jeweilige Stundensatz hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem Qualifikationsniveau, Kundenvorstellung, Konkurrenzdruck, Projektdauer, Einsatzort und Reisekosten. |
| GULP | Wo bekommen Sie die Vergleichspreise her? |
| Jahn |
Von anderen Freiberuflern. Ich habe sie erst mal über GULP recherchiert, das sehe ich als groben Anhaltspunkt. Ansonsten hat man Pech, wenn ein Vermittler die Preise nimmt, fünf Euro aufschlägt, das zum All-inclusive-Preis macht und damit beim Kunden einsteigt. Dann hat man es natürlich schwer zu verhandeln. Wenn ich direkt verhandeln kann, kann ich der Aufgabe entsprechend angemessen meinen Stundensatz angeben und kann den Mehrwert, den ich durch meine langjährige Erfahrung bringe, als kostenlose Zugabe verkaufen. Kunden überlegen sich natürlich auch: Brauchen wir alle Qualifikation des teureren Freiberuflers oder ist der eigentlich überqualifiziert? Hochinteressant ist, dass ich immer einen Sprung in den Stundensätzen habe. Wenn eigentlich einer nach IT-Experten sucht und die IT-Preise ansetzt, dann sagt er zu mir, sie haben zwar die Spezialkenntnisse, die wir in diesem Projekt brauchen, sind aber nur Elektrotechniker. In dem Fall liegt mein Stundensatz fünf Euro unter den IT-Spezialisten. Momentan liegen scheinbar die Preise für meine Qualifikation im technischen Bereich zwischen 45 und 50 Euro. Sobald ich in Sachen Validierung und Qualifizierung antrete, muss ich zwar fehlende Kenntnisse in der Methodik erst aneignen, kann das aber mit meiner technischen Erfahrung (zum Beispiel Risikoanalyse) mehrfach wettmachen. Dann gibt es für die gleiche Arbeit 60 bis 65 Euro. Das sind schon deutliche Unterschiede. |
| GULP | Vielen Dank an alle zwei Ingenieure für das Gespräch! |
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