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Umfrage-Ergebnis

Offshore: Ist billiger gleich besser?

(Januar 2004)

Offshore-Entwicklungen, also in Billiglohnländern programmieren lassen – immer mehr Unternehmen greifen auf diese Alternative zurück. Der erklärte Wille dahinter: Geld sparen fernab deutscher Stundensätze und Lohnnebenkosten. In einer kurzen GULP Umfrage gaben knapp 100 Projektanbieter darüber Auskunft, was sie davon halten.

Im Gegensatz zum klassischen Outsourcing, dessen Für und Wider, dessen Risiken, Probleme und Chancen auch mittels statistischer Erhebungen und Analysen bereits weitgehend untersucht worden sind und noch werden, sind Offshore-Projekte ein vergleichsweise neuer und bisher wenig untersuchter Weg, Programmierarbeit auf möglichst günstige Art und Weise in Billiglohnländern erledigen zu lassen.



Wie schätzen Sie die Qualität von Offshore-Entwicklungen im Vergleich zu „Made in Germany“ ein?
Besser. 11%

Gleich. 29 %

Schlechter. 60 %

 

“Made in Germany”: Das Gütesiegel, das über Jahrzehnte hinweg für Qualitätsarbeit aus deutschen Landen stand und von dem seit einiger Zeit der Image-Putz bröckelt, scheint sich in der IT-Branche gegenüber der auswärtigen Konkurrenz noch zu behaupten. Für 60 Prozent der Teilnehmer besteht am Qualitätsverlust durch Offshore kein Zweifel. Grund für Selbstzufriedenheit und einer Pause auf weichen Lorbeeren gibt es allerdings nicht, denn 40 Prozent, die gleiche bzw. sogar bessere Arbeit in den Billiglohnländern sehen, sind ein Zeichen, das nicht einfach ignoriert werden kann.



Führt das Preis-/Leistungsverhältnis von Offshore-Projekten wirklich zur Senkung der Kosten?
Ja, deutlich. 36 %

Kosten bleiben gleich. 33 %

Nein, im Endeffekt teurer. 31 %

 

(Nicht nur) der Betriebswirt weiß: Abgerechnet wird zum Schluss. Und was auf den ersten Blick billiger scheint, kann im Endergebnis plötzlich teurer sein. Auffällig bei dieser Frage ist die nahezu gleichmäßige Verteilung der Antworten auf die drei Möglichkeiten – offensichtlich ein Indiz dafür, dass neben sehr unterschiedlichen praktischen Erfahrungen auch Vermutungen bei den Antworten zum Tragen kamen und es letztendlich noch an gesicherten Erkenntnissen fehlt.

Aber welche Argumentation steckt hinter den jeweiligen Antworten? Tatsache ist, dass die Stundensätze z. B. in Südostasien oder in Osteuropa weit unter dem hierzulande gezahlten Niveau liegen – sicherlich das Hauptargument für die 36 Prozent der Teilnehmer, die eine deutliche Senkung der Kosten durch Offshore sehen.

Die anderen 64 Prozent vermuten dagegen versteckte Kosten, die für 33 Prozent die Offshore-Bilanz der einheimischen Programmierarbeit gleichstellen und für 31 Prozent im Vergleich sogar schlechter ausfällt. Weite Wege und unübersichtliche Prozesse, Kommunikationsprobleme und unterschiedlicher Wissenslevel, kulturelle Verschiedenheiten und unklar definierte Projektanforderungen – es gibt viele Möglichkeiten, in denen zusätzliche Kosten entstehen können. In diversen Medien jedenfalls berichten Unternehmer, die den Weg der Offshore-Programmierung ausprobiert haben, oftmals von Erfahrungen, die teuer an Geld und Nerven waren.



Schadet Offshore-Programmierung langfristig der deutschen Wirtschaft?
Ja. 75 %

Nein. 25 %

 

Der Blick vom eigenen Unternehmen weg auf das Ganze: Man muss nicht gleich radikaler Globalisierungsgegner sein um langfristig negative Auswirkungen des Offshore-Trends auf die deutsche Wirtschaft zu befürchten. Genau dies tun jedenfalls Dreiviertel der Teilnehmer an der Umfrage – die Kausalkette ihrer Schlussfolgerungen liegt auf der Hand: Aufträge ins Billiglohnland bedeuten weniger Arbeit für einheimische IT-Experten, bedeuten geringere Kaufkraft, bedeuten zunehmendes Preisdumping und bedeuten schließlich Schaden für die deutsche Wirtschaft, zumal im Gegenzug wenig wirtschaftliche Impulse aus den Billiglohnländern erwartet werden.

Das allerdings sehen 25 Prozent der Projektanbieter, die an der Umfrage teilgenommen haben, ganz anders. Ihrer Meinung nach ist kein dauerhafter Schaden zu erwarten – weil Offshore-Programmierung entweder nur eine kurze Episode bleiben wird oder im Gesamtkontext zunehmender Globalisierung auch seine positiven Seiten hat.



Welche Offshore-Region wird sich dauerhaft etablieren?
Südostasien. 35 %
Osteuropa. 49 %
GU-Staaten. 7 %

Sonstige. 9 %

 

Die letzte Frage ging von der Annahme aus, dass die Offshore-Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist und deshalb sich die Frage stellt, wohin denn nun in diesem Zusammenhang deutsche Aufträge unter anderem fließen werden. Und hier gibt es ein deutliches Votum für Osteuropa, wo sich nach Ansicht von fast der Hälfte aller Projektanbieter die Offshore-Programmierung etablieren wird. Damit liegen die östlichen Nachbarn – etwas überraschend - noch weit vor Südostasien, das ja mit Indien den bisherigen Programmier-Favoriten besitzt. Offensichtlich scheint für die Teilnehmer an der Umfrage hier die kulturelle Nähe und damit vermutete geringere Schwierigkeiten eine entscheidende Rolle gespielt zu haben.



Zuversicht ohne Sicherheit

Das Ergebnis der Umfrage mag für viele IT-Experten zwiespältige Gefühle hinterlassen. Einerseits ist die Zunahme von Offshore-Programmierungen wohl kaum mehr aufzuhalten, andererseits aber ist die Euphorie mancher Projektanbieter über diesen neuen Weg mittlerweile nüchterner Kostenrechnung gewichen. Und die hat nicht nur die Höhe der Stundensätze als Kriterium, sondern auch Qualität.




Kommentare zu diesem Artikel:

"Jeder der schon mal in einem typischen Offshore Land war weiß, dass es da oft keine Rechtssicherheit gibt, dass Termine nicht eingehalten werden, dass die Kultur anders ist, dass das Projekt in den meisten Fällen in die Hose gehen muss. In Indien z.B. gibt es ein Kastenwesen (beachte dass der Projektmanager einer anderen Kaste zugehörig sein muss als ein Entwickler...), stundenlang Stromausfall, eine verheerende Infrastruktur, in China wird der Programmcode gleich abgekupfert, in Russland kommt keine Hardware an wenn man nicht dem Mann am Zoll ein paar Dollar in die Hand drückt. Kulturelle Unterschiede, andere Art der Kommunikation usw. Requirements müssen so genau beschrieben werden, dass man es gleich selber programmieren kann. Das Ausbildungsniveau entspricht nicht dem europäischen, und die Löhne steigen teilweise exorbitant (in Indien werden Mitarbeiter vor der Firma vom Headhunter der Konkurrenz abgeworben). (Februar 2008)"

"Also, ich kann mir vorstellen, dass jedes Projekt eine kritische Größe oder Masse braucht, um mittels Offshoring tatsächlich und schlußendlich Kosten zu senken. Bei einem Drei- oder Sechsmonatsprojekt für 2-3 Mann ist das sicher nicht gegeben. Wer anderer Meinung ist, sollte vielleicht nochmal nachrechnen. (April 2004)"

"Ich habe 10 Jahre als IT Consultant in Deutschland gearbeitet und in dieser Zeit auch sehr viel selbst programmiert. Zwischenzeitlich betreibe ich mein eigenes IT Systemhaus (Offshore). Um ganz ehrlich zu sein, wie ich darüber denke: Die Qualität der Programmierung ist ohne weiteres Hinzutun des Offshore-Dienstleisters grundsätzlich Offshore deutlich niedriger als Onshore, da den Programmierern viele kulturelle Hintergründe schlichtweg fehlen (Was ist Mehrwertsteuer? Warum buche ich Fahrzeugkosten auf 4580 und nicht auf 3020?). Ausserdem ist Offshore zumeist die Universitätsausbildung wesentlich schlechter, häufig wird mit veralteten Rechnern und veralteter Software gelehrt und gelernt, da den Unis (und auch den angehenden Studenten) einfach finanzielle Resourcen fehlen. Auf der Kehrseite stehen dem natürlich erheblich günstigere Produktionskosten gegenüber, und wenn man mit den grossen Unternehmen, die zwischenzeitlich fast alle Offshore programmieren, langfristig Schritt halten möchte, bleibt keine andere Wahl, als dies ebenfalls zu tun. Von extremer Wichtigkeit ist natürlich die Auswahl des richtigen Dienstleisters und dessen Performance bei zurückliegenden Projekten. Unerlässlich für ein Offshore Systemhaus ist weiterhin jemand vor Ort, der den deutschen Markt kennt und durch gute Auswahl und permanente Schulung seiner Programmierer gleichwertige Qualität liefern kann. Fragen Sie potentielle Dienstleister bezüglich dieser Kriterien, bevor Sie Ihnen ein Projekt geben. Und setzen Sie auf keinen Fall auf den günstigsten Dienstleister, denn auch Offshore gilt letztendlich: You get what you pay for. (April 2004)"

"Veschiebt mal alle schön weiter die Jobs ins Ausland - die sinkende Kaufkraft der inländischen Mitbürger und die dadurch in Deutschland weiterhin steigenden Sozialausgaben werden es Euch "danken"... (April 2004)"

"Wir haben umfangreiche und langjahrige Erfahrung (damals sagte man noch nicht outsourcing ;-) mit Osteuropa. Das Sprachproblem gibt es mittlerweile kaum noch und Kreativität ist dort ganz gewiß auch vorhanden. Ich sehe allerdings eine schnelle Preisanpassung, die Preise in Osteuropa sind gestiegen und hier in D ist es ja ganz schön abwärts gegangen, dennoch - die nächsten 10 Jahre wird das so werden - ob wir wollen oder nicht - und besser, wir sind dabei!! (Februar 2004)"

"Entspricht meine Erfahrung (Februar 2004)"

"Klasse Beitrag. Ich habe mir schon oft Gedanken über dieses Thema gemacht. Die Zahlen werden in meine weitere Planung einfliessen. (Januar 2004)"

"Offshore bietet viele Vorteile, wenn man die Praxis kennt. Allerdings hierin besteht auch das Problem. Häufig sind es einfache menschliche Dinge, welche den erfolg eines Projektes behindern. Andereseits darf man auch nicht blauäugig in ein Offshore-Projekt gehen. Erfahrene Projektleiter ist das A und O für den Erfolg von Offshore-Projekten. (Januar 2004)"

"Für mich sind die Gulpumfragen richtig gut umd zu erfahren, was im Markt so gedacht wird. Weiter so! (Januar 2004)"

"Der Erfolg von Offshore Projekten hängt davon ab, was man in Auftrag gibt. Das ist meine Erfahrung aus vielen Jahren, die ich für Offshore-Anbieter (Philippinen) gearbeitet habe. Wer eine fertige Software portieren oder vom fertigen Konzept weg runterhacken lassen möchte, fährt mit Offshore-Anbietern gut. Wer verucht Kreativität einzukaufen, wird es viel schwerer haben. Ich warne davor vorausszusetzen, daß der Horizont der Arbeitnehmer überall so ist wie bei uns. Und warum? Sind wir intelligenter als Offshore Arbeiter? Nein, aber wir haben mehr Lego gespielt, Bücher gelesen und sind von Kinderzeiten an auf Industriekompatibilität getrimmt worden. Das wirkt sich auf das Ergebnis aus. Wer einen guten Anbieter für sein Projekt im Ausland findet, sollte dahin ruhig einen Auftrag geben. Exportweltmeister Deutschland sollte russische und indische Arbeitnehmer nicht im Wettbewerb diskriminieren. Roland Wolf (Januar 2004)"

"Ich glaube, deutsche Studenten müssen sich überlegen, welche Fächer sie studieren, damit ihnen später niemand den Job ins Ausland verschiebt:Verwaltungswissenschaft, deutsches und europäisches Recht,Patentanwalt, Medizin, Psychologie, Informatik (ohne Programmierung und Test), Ingenieur (ohne Konstruktion), Projektleiter/Management.... Germanistik, Pfarrer -- ich weiß nicht, wohin diese Globalisierung hinführen soll. Tauschen wir doch unsere Länder komplett aus! (Januar 2004)"


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