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Unter der Lupe: Großrechner ohne Nachwuchs

Die Generation der Mainframer tritt langsam ab

(August 2002)

Inhalt dieses Artikels:
Die Marktsituation: Mainframe-Projekte ohne Nachwuchs | Oldies but Goldies | Chancen auf Projektbesetzung | Fazit

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Dies ist eine Marktstudie aus dem IT-Projektmarktindex, dem Marktindex für IT-Projekte.
 

Die Mainframe-Technologie wurde in den letzten Jahren vorschnell für tot erklärt. Tatsache ist jedoch, dass Großrechner auch heute und in Zukunft wesentlicher Bestandteil einer hochleistungsfähigen IT-Umgebung sind und bleiben werden. Die Konsequenz: Großrechner-Spezialisten werden mancherorts verzweifelt gesucht! GULP nimmt die schon oft als Auslaufmodelle bezeichneten Großrechner im IT-Projektmarkt genauer unter die Lupe und analysiert die Chancen für Projektanbieter auf eine erfolgreiche Rekrutierung von IT-Freiberuflern mit entsprechenden Kenntnissen. Die vorliegende Marktanalyse fasst die Ergebnisse der im GULP-o-meter, GULP Trend Analyzer und GULP Stundensatz Kalkulator errechneten Trends zusammen.

Mainframes sind quicklebendig, doch der IT-Nachwuchs wendet sich ab, denn zu veraltet und rückwärtsgewandt sei die Technologie. Doch langsam gehen die altgedienten Großrechner-Experten in den Ruhestand. Die Folge: Großrechner wagt außer den alten Hasen niemand mehr anzufassen und zahlreiche Unternehmen bekommen zusehends Probleme, die Mainframe-Dinos zu bändigen.

 

Mainframe-Projekte ohne IT-Nachwuchs
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In alle Kürze
Durchschnittlicher Anteil an allen im ersten Halbjahr 2002 gestellten Projektanfragen an Mainframe-Spezialisten im Bereich
>

Betriebssysteme:
7,6 Prozent

>

Programmiersprachen:
10,3 Prozent

>

Datenkommunikation:
5,2 Prozent

Mainframe-Welt, Großrechner-Plattform, Host-Umgebung sind Synonyme für ein abgeschlossenes IT-System, das sich durch hohe Leistung, Verfügbarkeit, Skalierbarkeit und Sicherheit auszeichnet.

Andererseits sind Mainframe-Umgebungen sehr komplex, weil sie viel Businesslogik enthalten und über Jahre gewachsen sind. Oft ist auch ihr Sourcecode nicht mehr verfügbar, und Programmierer mit Mainframe-Kenntnissen sind dünn gesät. Dass mussten viele Unternehmen zuletzt bei der Jahr-2000-Umstellung schmerzlich feststellen.

Anfang der 90er Jahre glaubten die Experten, dass Programmierer für Großrechner und Anwendungsprogramme überflüssig würden. Die Studenten reagierten prompt. Allein die Zahl der Studienplatz-Interessenten für Informatik an Universitäten sank von 8000 im Semester 1989/90 auf 4600 im Sommer 1995 [Der Spiegel 13/2000]. Die Folge: Studiengänge wurden geschlossen, Dozenten eingespart.

Dann kam der Aufschwung durch das Internet, die Informatik-Vorlesungen waren wieder überfüllt. Schnelle Bildungsprogramme sollten erste Hilfe leisten, denn der Boom hatte völlig neue Berufe entstehen lassen. Doch der Großrechner-Bereich blieb auf der Strecke: Er wurde im Lehrprogramm nahezu aller Universitäten ausgespart. Kenntnisse über CICS, DB2, PL/1, IMS etc. wurden nicht mehr gelehrt.

Totgesagte leben länger: Die als Dinosaurier abgestempelten Mainframes behaupten sich auch in auf dem Internet-Markt und verdrängen zunehmend PC und Workstations in dem Bereich der Client/Server-Architekturen. Somit ist auch wieder das profunde Know-how der altgedienten Mainframe-Veteranen gefragt. Doch mit den auf den Ruhestand zusteuernden Experten stirbt das Wissen um die komplexen Großrechner-Systeme buchstäblich aus.

Nachfolgende IT-Generationen wollen sich nicht mit den vermeintlichen Auslaufmodellen von einer Handvoll Großunternehmen „herumschlagen“. Der dringende Bedarf an Fachkräften und damit verbundene Zukunftsperspektiven für IT-Experten werden einfach verkannt. Bei den Unternehmen aber können die komplexen Großrechner-Umgebungen nicht einfach von dezentralen IT-Strukturen abgelöst werden – diese Hoffnung hat sich schon vor Jahren zerschlagen. Unaufhaltsam - so scheint es - rollt ein eklatanter Personalmangel auf die Betreiber von Mainframe-Dinos zu.

Projektanfragen zu verschiedenen Mainframe-Skills aus den Bereichen Großrechner-Programmiersprachen, Großrechner-Betriebssysteme und Großrechner-Datenkommunikation

Programmiersprachen
Betriebssysteme
Datenkommunikation
Abbildung 1: Entwicklung der Projektanfragen zu verschiedenen Mainframe-Skills aus den Bereichen Großrechner-Programmiersprachen, Großrechner-Betriebssysteme und Großrechner-Datenkommunikation

Die Nachfrage nach Mainframern besteht trotz IT-Flaute ungebrochen, ist aber zeitweisen Schwankungen unterworfen (vgl. Abbildung 1). Vorwiegend werden Programmierer für die Schnittstellenerstellung, für Migrationen oder die Anwendungsentwicklung gesucht. Kenntnisse zu den Transaktionsmonitoren CICS und IMS/DC werden meist vorausgesetzt. Stark nachgefragt sind aber auch Systemadministratoren für Großrechner-Betriebssysteme: allen voran MVS- und Tandem-Experten.

Vor allem im immer wichtiger werdenden Bereich der Anwendungsintegration spielen Großrechner eine besondere Rolle. Schätzungsweise 70 Prozent der unternehmenskritischen Daten liegen auf Mainframes. Für E-Commerce-Projekte ist deshalb die Internet-Anbindung dieser Rechner einer der wichtigsten Schritte, um Kunden und Geschäftspartnern den kontrollierten Zugriff auf die wichtigste Informationsquelle zu eröffnen. In zahlreichen EAI-Projekten werden Anpassungen notwendig sein, weil Mainframe-Anwendungen nicht für das Internet ausgelegt wurden. Hier werden aufgrund des Fachkräftemangels in Zukunft große Engpässe auf die Unternehmen zukommen.

 

 

Oldies but Goldies
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In alle Kürze
>

Durchschnittsalter der IT-Freiberufler mit fachlichen Kenntnissen im Mainframe-Umfeld:
43,3 Jahre

>

Durchschnittsalter aller bei GULP eingetragenen Freiberufler:
37,7 Jahre

>

Durchschnittsalter freiberuflicher Java-Spezialisten:
35,5 Jahre

Eines der kritischsten Probleme im Mainframe-Bereich ist der Mangel an qualifizierten IT-Freiberuflern. Die Zahl der Fachkräfte, die sich mit den relativ alten Programmiersprachen und Mainframe-Systemen auskennt, ist begrenzt - und die Experten werden nicht jünger. Ein Team aus Großrechner-Fachleuten setzt sich heutzutage scheinbar vorwiegend aus Veteranen zusammen.

Beispielsweise sind bei GULP eingetragene aktive PL/1-Experten im Durchschnitt knapp 45 Jahre alt, über 36 Prozent belegen Jahrgänge vor 1950. Zum Vergleich: Bei Java-Entwicklern ist ein fast ebenso großer Anteil (38,1 Prozent) Jahrgang 1970 oder jünger! Die ältesten aktiven PL/1-Programmierer sind über 60 Jahre alt, einige davon arbeiten schon seit über 38 Jahren in der EDV.

So auch die Situation bei Spezialisten für das Betriebssystem BS/2000 von Siemens. Das Durchschnittsalter liegt hier zwar auch um die 45 Jahre, doch über 23 Prozent dieser Großrechner-Experten sind älter als 55 Jahre. Die ältesten im Projektgeschäft tätigen BS/2000-Profis haben bereits das Renteneintrittsalter von 65 Jahren überschritten, bringen aber ihr Wissen aus teilweise 44 Jahren EDV-Berufserfahrung mit in ein IT-Projekt (siehe auch Artikel: Die besten Jahre eines Freiberuflers).

Unternehmen, die von externen Mitarbeitern abhängig sind, wissen, dass die vorhandenen Kapazitäten rasch erschöpft sind und die Preise dementsprechend hoch sind. Aber auch Unternehmen mit einem eigenen DV-Stab werden sehr bald erkennen müssen, dass ihre System- und Anwendungsprogrammierer langsam auf die Rente zusteuern. Wer sollte sie ersetzen, gingen sie morgen in den wohlverdienten Ruhestand?

prozentuale Verteilung der über GULP kontaktierten Altersgruppen für die gesuchten Qualifikationen Java und PL/1

 

prozentuale Verteilung der über GULP kontaktierten Altersgruppen für die gesuchten Qualifikationen Linux und BS/2000
Java
PL/1
Linux
BS/2000
Abbildung 2: prozentuale Verteilung der über GULP kontaktierten Altersgruppen für die gesuchten Qualifikationen Java und PL/1
Abbildung 3: prozentuale Verteilung der über GULP kontaktierten Altersgruppen für die gesuchten Qualifikationen Linux und BS/2000

Geht man davon aus, dass altgediente Mainframer ab ihrem 60. Lebensjahr beruflich kürzer treten wo llen, so könnten viele Unternehmen in spätestens fünf Jahren mit einer ernsten Situation konfrontiert sein: Beispielsweise verabschieden sich dann im PL/1-Bereich knapp 10 Prozent der heute aktiven Spezialisten aus dem IT-Projektgeschäft. Weitaus schlimmer, die Situation bei den Großrechner-Betriebssystemen: In fünf Jahren könnte sich knapp jeder Vierte (23,6 Prozent) freiberufliche BS/2000-Experte zur Ruhe setzen. Wie gut oder ob überhaupt diese Lücken durch hochqualifizierte Young Professionals ausgefüllt werden, vermag heute niemand vorherzusagen.

 

 

Chancen, ein Mainframe-Projekt zu besetzen
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Wie sehen derzeit die Chancen für Projektanbieter auf ein erfolgreiches Recruiting von IT-Personal für die Großrechner-Welt aus und mit welchen Stundenlöhnen gehen die Freiberufler in die Verhandlung?

Tabelle 1 stellt die Anzahl der bei GULP eingetragenen IT-Freiberufler, die über Kenntnisse in den jeweiligen Systemen verfügen, der Zahl an monatlichen Projektanfragen aus demselben Bereich gegenüber. Aus dem Verhältnis der beiden Werte haben wir einen Index errechnet, der eine Einschätzung zu Chancen auf Besetzung eines Großrechner-Projektes zulässt. Je höher der Index, desto größer die Aussichten auf ein erfolgreiches Recruiting eines Freiberuflers aus dem Mainframe-Umfeld, ohne die Verfügbarkeit der IT-Freiberufler zu berücksichtigen.

Datenbasis: 34.831 bei GULP eingetragene IT-Freiberufler
(Stand: 06/2002)

Qualifikation

Anteil Freiberufler mit
Projektanfragen
Chancen
Stundensatz
Kenntnissen
in
fachlichem
Schwerpunkt
anteilig im ersten HJ 2002

auf Projekt-
besetzung

in EUR
Betriebssysteme
 
 
 
 
 
MVS, bzw. OS/390
8,7
1,2
9,2
0,95
77 EUR
BS/2000
5,2
0,1
0,5
10,40
72 EUR
Tandem
0,6
< 0,1
2,1
0,30
83 EUR
Programmiersprachen
 
 
 
 
 
JCL
4,9
< 0,1
2,2
2,22
74 EUR
PL/1
5,0
0,1
1,5
3,32
70 EUR
Natural
1,5
0,1
2,6
0,58
75 EUR
Datenkommunikation
 
 
 
 
 
CICS
5,4
0,2
3,6
1,51
77 EUR
IMS/DC
2,9
< 0,1
0,9
3,21
72 EUR

Tabelle 1: Vergleich der Rekrutierungschancen für die im Mainframe-Bereich nachgefragten Freiberufler-Skills.

 

Erläuterungen zur Tabelle
Qualifikation Die am häufigsten nachgefragten Qualifikationen im Großrechner-Umfeld.
Freiberufler mit Kenntnissen in... Anteil der IT-Freiberufler, die über fachliche Kenntnisse in der jeweiligen Qualifikation verfügen.
Freiberufler mit fachlichem Schwerpunkt... Anteil der IT-Freiberufler, die die jeweiligen Qualifikation als fachlichen Schwerpunkt in ihrem Profil angegeben haben.
Projektanfragen Anteil der monatlichen Projektanfragen, in der die jeweilige Qualifikation gefragt war.
Chancen auf Projektbesetzung Anzahl der Projektanfragen im Verhältnis zur Anzahl der IT-Freiberufler mit fachlichen Kenntnissen in der jeweiligen Qualifikation. Je größer dieser Wert ist, desto besser sind die Chancen für Projektanbieter auf Besetzung des IT-Projektes, abhängig von der Verfügbarkeit der Freiberufler.
  gute Chancen auf Besetzung des Projektes
  schlechte Chancen auf Besetzung des Projektes
Stundensatz in EUR Der marktübliche Stundensatz eines IT-Freiberuflers mit der jeweiligen Qualifikation als fachlichem Schwerpunkt.
 

 

Fazit
   

Momentan ist es um die Situation für Großrechner-Projekte - trotz Flaute in der IT-Branche - nicht schlecht bestellt. Anders als beispielsweise im Java-Bereich brach der Marktanteil der Mainframes auf dem IT-Projektmarkt in 2002 kaum ein. Die Nachfrage wird auch in naher Zukunft nicht abreißen, die Verflechtungen der Großrechner-Systeme mit der übrigen Unternehmens-IT sind einfach zu komplex, als dass sie mittelfristig von dezentraler Client/Server-Technik abgelöst werden können.

Derzeit finden sich über die GULP Profiledatenbank noch genügend Großrechner-Experten zu einigen der gesuchten Mainframe-Qualifikationen. Doch die Chancen auf eine erfolgreiche Projektbesetzung schwinden von Jahr zu Jahr aufgrund fehlenden Nachwuchses. Schon jetzt sind Spezialisten für Tandem oder Natural nur sehr schwer zu bekommen. Für MVS, bzw. OS/390 ist in Zukunft ähnliches zu erwarten (siehe auch Marktstudie vom Juni 2001: MVS wieder gefragt).

 

 

Die Stichprobe
   

Die vorliegende Marktanalyse beruht auf der statistischen Auswertung von 25.341 Projektangeboten, die IT-Freiberuflern von Juli 2001 bis Juli 2002 über den GULP-Server zugestellt wurden. Das Datenmaterial wird durch Informationen aus den Profilen der über 34.831 bei GULP eingetragenen IT-Freiberufler (Stand 01.06.2002) ergänzt. Insgesamt repräsentiert die Datenbasis der vorliegenden Marktanalyse mehr als 75 Prozent des deutschen IT-Projektmarktes.

 

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Als EDV-Subdienstleister hatte ich nach Informationen zu BS 2000 gesucht und bin über einen Eintrag bei Google hierhergekommen. Die allgemeinen Erläuterungen haben mir schon sehr geholfen und die anderen Informationen zur allgemeine Mainframe-Situation fand ich interessant. (November 2006)"

"Für große Unternehmen ist eine Konsolidierung zwischen der ServerWelt und dem Mainfraim unerläßlich. Jeglichen Prozeß auf ein neues System umzustellen ist durch die schnellen Lebenszyklen der neuen Systeme gar nicht tragbar, geschweige finanzierbar!! Man rechne doch einfach mal, die erstellten Module auf einem Mainfraim sind nun einmal sehr selten plattformunabhängig, somit nur schlecht protiebar. Also wer will in welcher Zeit die Geschäftsvorfälle in einer Severwelt so stabil und sicher abbilden, wie dies in vielen Jahren auf dem Mainfraim gewachsen ist. Und Stabilität und Sicherheit sind für Finanzdienstleister ein wesentlicher Entscheidungsgrund den Großrechner weiter im Betreib zu halten und mit der Serverwelt zusammenwachsen zu lassen. MN (Dezember 2002)"

"Ich sehe die von Ihnen beschriebene Nachfrage nicht - zumnindest nicht in Oesterreich. Offenbar muss man noch ein paar Jaehrchen warten. Auffaellig dagegen ist die Nachfrage nach C/C++ und Erfahrung in hardwarenaher Programmierung, insbesondere in England. (Dezember 2002)"


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