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"Mediation ist keine Therapie, sondern konkrete Problemlösung."

Interview mit Richard Kampmann, IT-Freiberufler und Mediator (OI)

(April 2007)
 
Richard Kampmann, IT-Freiberufler und Mediator (OI)
 
Richard Kampmann
 

Der freiberufliche UNIX-Experte Richard Kampmann hat es in seiner zehnjährigen IT-Berufspraxis häufig erlebt, dass Konflikte zwischen einzelnen Menschen, Abteilungen oder Firmen den Projekterfolg immer wieder gefährdeten. Seine Suche nach Problemlösung führte den studierten Chemiker zu dem hierzulande noch relativ unbekannten Verfahren der Mediation. Wie schon bei anderen (IT-)Weiterbildungen mündete seine intensive Beschäftigung mit dem Thema auch hier in einer entsprechenden Zertifizierung. Im GULP Interview erzählt er mehr von den Chancen, aber auch Grenzen der Mediation.

 

 

GULP Herr Kampmann, ich könnte mir vorstellen, dass der IT-Einstieg für einen Chemiker nicht gerade leicht ist. Warum haben Sie dennoch den Sprung von der Chemie in die IT gewagt?
Kampmann Gegen Ende meines Studiums zeichnete sich ab, dass die Zukunftschancen im IT-Bereich kurz vor dem "Internet-Boom" wesentlich besser waren als in der Chemie. Und da ich schon seit der Schulzeit eine gewisse IT-Affinität hatte und mich intensiv mit Computertechnik beschäftigte, lag der Wechsel nahe. Nach einer Weiterbildung im Bereich Novell Netware habe ich dann sehr schnell in den UNIX-Bereich gewechselt, in dem zu dieser Zeit dringend Arbeitskräfte gesucht wurden. Die für den Einsatz notwendigen Kenntnisse wurden typischerweise "on-the-job" erworben, eben so wie die Aufgaben anfielen, denn üblicherweise gab es keine Zeit, sich vorab etwas anzueignen. Dies ist nun ca. zehn Jahre her und seitdem unterstütze ich überwiegend große Unternehmen bei Fragen, die die Systemplanung im Client-Server-Bereich – vor allem UNIX/Linux im Rechenzentrum – betreffen. Mein fachlicher Schwerpunkt ist hier vor allem Datensicherung und Storage.
   
GULP Ist dieser Quereinstieg mit ein Grund für Ihre zahlreichen Zertifizierungen in den unterschiedlichsten IT-Bereichen – u.a. als ITIL-Service-Manager, Certifed System Administrator, Network Engineer und Mediator?
Kampmann Für mich gehört die ständige Anpassung des Wissens an die Erfordernisse des Marktes und die Erweiterung des eigenen Erfahrungsschatzes im IT-Beratungsgeschäft dazu. Die Zertifizierungen stehen dabei für einige der Themenbereiche, mit denen ich mich intensiver beschäftigt habe.
   
GULP Welche Motivation steckt hinter Ihren Zertifizierungen?
Kampmann

>> Zertifikate dienen oft als Auswahlkriterium, um Kandidaten für ein bestimmtes Skillprofil zu finden.<<

Wenn ein Projektanbieter heute einen Dienstleister sucht, so ist das Angebot ziemlich unüberschaubar. Er kann entweder auf seinen eigenen Erfahrungsschatz, auf ein Netzwerk mit Empfehlungen oder eben auf Bescheinigungen Dritter zurückgreifen, um die Fähigkeiten eines Dienstleisters vorab einzuschätzen. Es ist also nur konsequent, einige Fähigkeiten, die das eigene Skillprofil typisch darstellen, zertifizieren zu lassen. Schon, um z.B. bei GULP bei einer Suche nach Stichworten auch gefunden zu werden. Zertifikate dienen oft als Auswahlkriterium, um Kandidaten für ein bestimmtes Skillprofil zu finden.
   
GULP Welche Vorteile hatten Sie bislang aus Ihren Zertifizierungen, die ja immerhin auch Geld kosten?
Kampmann Oft lässt sich kein unmittelbarer Bezug zwischen einem Zertifikat und einem finanziellen Vorteil herstellen. Es sei denn, es wäre ein Projekt gezielt mit einer bestimmten Zertifizierung ausgeschrieben. Letztlich ist es die Gesamtheit der Fähigkeiten - Hard- wie auch Softskills – die ein Bild vom Dienstleister zeichnen und zu einem Engagement führt oder nicht.
   
GULP Besonders interessant ist Ihre Zertifizierung als Mediator. Bislang ist mir dieses Berufsbild des neutralen Vermittlers zwischen zwei Parteien hauptsächlich aus dem juristischen Bereich bekannt. Warum haben Sie sich als Mediator zertifizieren lassen?
Kampmann

>> Die Mediation ermöglicht es, ein produktives Arbeitsklima wiederherzustellen.<<

Ich habe immer wieder gesehen, dass Projekte oder auch der normale Unternehmensbetrieb nicht oder nicht optimal ablaufen, weil sich einzelne Menschen, Abteilungen oder Firmen uneinig sind. Die Mediation ermöglicht es, das Vertrauen und ein gutes, produktives Arbeitsklima wiederherzustellen, indem die wahren Ursachen geklärt und einvernehmlich ausgeräumt werden. Diese Fähigkeit – die im Übrigen nicht immer nur in Form einer Mediation eingesetzt werden muss - wollte ich lernen. Das Zertifikat bietet dabei die Möglichkeit, meine vorhandenen Softskills zu dokumentieren.
   
GULP In Deutschland ist die Mediation so langsam im Kommen, hat sich also noch nicht flächendeckend durchgesetzt. In welchen Situationen sehen Sie speziell im IT-Bereich die Notwendigkeit eines Mediators?
Kampmann

>> Mediation ist überall dort machbar, wo Menschen uneinig sind und sich einigen wollen. <<

Ganz unabhängig von der Branche und Unternehmensgröße ist Mediation überall dort machbar, wo Menschen uneinig sind und sich einigen wollen. Dazu gehört es, dass alle Beteiligten erkennen, dass eine kooperative Einigung für sie jeweils Vorteile bringt, nicht jedoch, dass sie von vornherein eine Einigung für erreichbar halten. Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen möchte mit einem Lieferanten ein wichtiges Projekt durchführen. Während des Ablaufs gibt es Uneinigkeiten über Lieferungen, Zahlungen und Vereinbarungen, die Krisenmeetings werden immer zäher und schärfer und eskalieren sofort in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Diese Situation gerichtlich klären zu lassen, ist für beide Parteien unbefriedigend. Es wäre teuer, dauerte zu lange und das Ergebnis wäre nicht vorhersehbar. Das Projekt wäre bis dahin hinfällig, der finanzielle Schaden und Imageverlust für beide Seiten groß. Ein Mediator – wenn er das Vertrauen der Beteiligten hat – kann den Verlauf der Klärung so steuern, dass beide Seiten ihren Standpunkt von der Gegenseite verstanden wissen. Dadurch werden plötzlich Lösungsansätze möglich, die vorher undenkbar waren. Eine weitere gängige Situation ist beispielsweise die Unternehmensnachfolge gerade über Generationen hinweg. Auch hier ist sicherlich nicht gewollt, dass der Betrieb leidet oder gar die internen Probleme im Rahmen einer öffentlichen Gerichtsverhandlung bekannt werden.
   
GULP Zwischen welchen Parteien muss ein Mediator in der IT-Branche häufiger vermitteln?
Kampmann Hier liegen mir keine Zahlen vor. Konflikte treten natürlich bei der Teambildung verstärkt auf, sind aber auch im normalen Ablauf zu finden. Generell hängt die Häufigkeit solcher Konflikte sicher von der Unternehmenskultur ab, ebenso wie die Bereitschaft, diese dann mediativ zu klären. Eine wichtige Frage für den Mediator ist, wie diese Bereitschaft hergestellt werden kann. Als wichtige Stärke der Mediation ist zu sehen, dass sie die Klärung von Konflikten über Hierarchiegrenzen ermöglicht, ohne diese in Frage zu stellen.
   
GULP Wird der Bedarf an Mediation in Zukunft steigen?
Kampmann Ich denke, dass die Mediation einen immer größeren Stellenwert in der Konfliktbeilegung bekommt, wie es außerhalb Deutschlands wohl auch schon so ist. Ich hoffe damit natürlich nicht, dass der Bedarf im Sinne von "Anzahl der Konflikte" steigt, sondern, dass immer mehr der auftretenden Konflikte auf diese Weise gelöst werden. Der zunehmende Einsatz mediativer Verfahren in Schulen lässt mich hoffen.
   
GULP Gibt es Grenzen der Mediation, sprich wann ist der Gang zum Rechtsanwalt unvermeidlich?
Kampmann

>> Der Mediator gibt keine Rechtsberatung und ist keine Konkurrenz zum Rechtsanwalt. <<

Themen, die sich bei einem Kaffee in der Mittagspause klären lassen, wird man ebenso wenig mediieren wie Konflikte, die schon bis in die harte körperliche Auseinandersetzung eskaliert sind. Da der Mediator nur für den Prozess der Einigung, aber nicht für ihren Inhalt verantwortlich ist, ist es elementar wichtig, dass die Parteien in der Lage sind, ihre Interessen zu formulieren, zu vertreten und eigenverantwortlich eine Lösung zu beschließen. Hierzu gehört übrigens oft auch der Besuch eines Rechtsanwalts. Nur, wenn man seine Rechte kennt, kann man bewusst darüber entscheiden und einer dauerhaft tragfähigen Lösung zustimmen. Der Mediator gibt keine Rechtsberatung und ist keine Konkurrenz zum Rechtsanwalt. Die Aufgabe und Arbeitsweise unterscheidet sich einfach grundlegend von der eines Anwalts oder Richters. Nicht zu vergessen, eine Mediation ist keine Therapie – sie bearbeitet die Lösung konkreter Probleme und arbeitet nicht die Vergangenheit auf oder versucht, einen "Schuldigen" zu finden.
   
GULP Kann sich jeder als Mediator zertifizieren lassen oder sollte man gewisse Voraussetzungen (Soft-/Hardskills) mitbringen?
Kampmann Fähigkeiten wie (u.a.) Empathie, Menschenkenntnis und Toleranz sollten ebenso vorhanden sein wie z.B. Neutralität und Moderationsfähigkeit. Genauso wichtig ist die Bereitschaft, sich im Rahmen der Ausbildung und Arbeit weiterzuentwickeln. Nur wer bereit ist, eine längere Ausbildung und Praxiserfahrung nachzuweisen, wird eine Anerkennung durch die großen Verbände bekommen können. Neben einer Zertifizierung des Ausbildungsinstituts (z.B. OI) gibt es die Möglichkeit, sich von Berufsverbänden (z.B. BM e.V., BAFM, BMWA) anerkennen zu lassen. Hierzu sind unterschiedliche Kriterien zu erfüllen. Während sich manche formelle Kriterien (z.B. Vorbildung) unterscheiden, gibt es große Ähnlichkeiten bei anderen (Ausbildungsgang, Erfahrung) und sogar einen internationalen Konsens, welche Skills ein Mediator braucht. Zum ethischen Selbstverständnis, das der Arbeit zugrunde liegt, finden sich z.B. Informationen beim Bundesverband Mediation e.V. (BM e.V.).
   
GULP Helfen Ihnen Ihre Fähigkeiten als Mediator auch persönlich im Berufsleben weiter, z.B. im Verhältnis zu Kollegen?
Kampmann Die Fähigkeit, Menschen - und auch mich selbst - in Konfliktsituationen anders wahrzunehmen sowie das Wissen darum, wie Konflikte eskalieren und welche Empfindungen der Beteiligten dabei eine Rolle spielen, hat mir verschiedentlich geholfen, diese Situationen anzusprechen, aufzulösen oder zu vermeiden. Auf diese Weise habe ich schon mit Personen gut und produktiv zusammenarbeiten können, die von Kollegen als sehr schwierig im Umgang bezeichnet wurden.
   
GULP Sind Zertifizierungen aus Ihrer Sicht für jeden IT-Spezialisten sinnvoll?
Kampmann So manche Zertifizierung ist nur eine Fleißübung. Ob eine Zertifizierung einen Zugewinn bedeutet, muss jeder für sich entscheiden. Ich kenne Beispiele für sehr erfolgreiche IT-Spezialisten ganz ohne oder auch mit ziemlich vielen Zertifizierungen.
   
GULP Herr Kampmann, vielen Dank für das interessante Interview und beruflich weiterhin viel Erfolg.

 



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