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Corona und die Psyche

21.04.2020
Susann Klossek - freie Journalistin und Autorin
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Das Coronavirus ist mitten unter uns und bedroht auch unsere Psyche. Geschlossene Grenzen, Ausgangsbeschränkungen und auf ein Minimum begrenzte soziale Kontakte stellen uns alle vor grosse Herausforderungen. Hinzu kommt die Angst vor Ansteckung oder Arbeitsplatzverlust, Kurzarbeit, abgesagte und verschobene Projekte, stagnierende oder fehlende Einkommen und im schlimmsten Fall der Konkurs. 

Was, wenn ich mich anstecke? Was passiert mit meiner 2. Säule? Was, wenn die Börse weiter abstürzt? Das sind Fragen, die sich dieser Tage viele stellen. Wer ins Home Office verdammt ist, muss sich eventuell noch intensiver mit dem Partner und den Kindern auseinandersetzen und letztlich vor allem mit sich selbst. All das kann auf Dauer der psychischen und auch physischen Gesundheit schaden.

Panik und Stigmatisierung

Die Rund-um-die-Uhr-Medienberichterstattung auf allen Kanälen trägt auch nicht wirklich dazu bei, sich dem Thema gelassen und rational zu nähern. Das Resultat: Wir reagieren mit Panik, Stress oder gar Hysterie. Wilde, zum Teil jedweder Ratio entbehrende Diskussionen in den sozialen Medien bis hin zu Verschwörungstheorien kursieren. Auch Hamsterkäufe im Supermarkt und das Horten oder gar der Diebstahl medizinischer Hilfsgüter sind Ausdruck dieser Hysterie. 

Pandemien führen auch zur Stigmatisierung betroffener Personen: Am Anfang waren – und sind noch immer, zum Beispiel in den USA – Menschen asiatischer Herkunft, insbesondere Chinesen, Opfer sozialer Stigmatisierung und Fremdenfeindlichkeit. Mit dem raschen Anstieg der Fallzahlen in Europa, trifft es nun auch uns. In der Konsequenz häufen sich angstbedingte Verhaltensweisen (z.B. Rückzug oder Aggression), Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und ein insgesamt geringerer wahrgenommener Gesundheitszustand. 

Menschen mit psychischen Erkrankungen (z.B. mit einer Zwangsstörung oder Depression) können besonders anfällig für die Auswirkungen einer weit verbreiteten Panik und Bedrohung sein. Auch chronisch Erkrankte haben nicht nur ein höheres Risiko, durch eine Ansteckung mit Covid-19 schwer krank zu werden, sondern auch von einer psychischen Folgekrankheit erfasst zu werden. 

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Stress und Angst als natürliche Reaktionen

Die gute Nachricht: Panik, Angst und Sorge sind zunächst völlig normale Reaktionen auf die momentane Lage. «Wenn eine Gefahr neu und unbeherrschbar erscheint, fürchten wir uns davor», sagt Psychiater, Neurologe und Angstforscher Borwin Bandelow in einem Gespräch mit dem Magazin Focus. Unser Angsthirn reagiere nicht auf Statistiken. In Deutschland zum Beispiel seien in dieser Grippe-Saison bereits knapp 100 000-Influenza-Fälle bestätigt, das sind fast doppelt so viele wie es an Covid-19 Erkrankte bei unseren Nachbarn gibt. Dass uns eine Zahl von 25 000 Grippetoten – wie bei der Grippewelle in Deutschland vor zwei Jahren – nicht wirklich erschrecke, liege daran, dass wir uns daran gewöhnt haben und solche Ängste mit der Zeit verloren gingen. 

Natürlich gibt es gegen Grippe-Viren eine wirksame Impfung, die gegen Corona noch auf sich warten lässt. Doch auch gegen die hochansteckende Grippe müssen die Impfstoffe jedes Jahr angepasst werden, weil das Virus permanent mutiert. Doch diesbezüglich bleibt die Panik aus. Und so werde es laut Borwins Prognose auch bald hinsichtlich Corona sein: «Nach ein paar Wochen beruhigt sich die Angst und Normalität kehrt ein», so der Angstforscher. Derzeit ringe in unserem Gehirn das Angst- und das Vernunft-System miteinander und in der Regel gewinne in solchen Situationen leider das Angstsystem. Borwin plädiert dafür, Ruhe zu bewahren und die Realität anzunehmen. 

Den Sinn der Massnahmen erkennen

Und: Wenn Betroffene den Sinn von verhängten Massnahmen, beispielsweise einer Quarantäne, erkennen, kommt es eher nicht zu psychischen Störungen, sagt Stefan Vetter, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Zudem sind Stress und Angst erst einmal etwas Positives, um in einer Gefahrensituation ein richtiges Verhalten zum Überleben aufrechterhalten zu können, so Vetter in einem Interview mit der NZZ. 

Vetter beschreibt Panik als Endzustand einer Angst, in der man so fokussiert sei, dass man alles macht, um etwas zu bekommen. Das könnte auch die sinnentleerte WC-Papier-Horterei erklären. Der momentane Stress liegt vor allem darin, zu wissen, dass etwas kommt, ohne genau zu wissen, wie gefährlich es wirklich ist, wohin es sich entwickelt und wie lange es dauert, bis wieder die Normalität Einzug in unserem Alltag hält. 

Auch wenn uns die verordneten Massnahmen in unserer persönlichen Freiheit einschränken, sie bringen auch Positives zum Vorschein: Während die Solidarität am Anfang der Pandemie in der Schweiz noch auf der Strecke blieb und die Einzel-Perspektive dominierte, ist sie mittlerweile flächendeckend sehr ausgedehnt. Die Mehrheit der Bevölkerung hält sich an die vom Bund verhängten Einschränkungen, Junge schützen die Alten vor Ansteckungen, Nachbarn greifen sich gegenseitig unter die Arme, machen Besorgungen, hüten Kinder. 
 

Zusammenfassung

Corona bleibt uns nicht erspart und kann für jeden von uns gesundheitliche und/oder finanzielle Folgen nach sich ziehen. Die Angst ist zum Teil begründet und berechtigt, lässt sich aber handeln. Alle im Gesundheitswesen beschäftigte Personen, vor allem Psychiater und Psychologen, müssen nun als Stimme der Vernunft fungieren und angemessen und evidenzbasiert kommunizieren, damit jeder und jede die möglichen Auswirkungen des Virus verstehen kann und mit der neuen Bedrohung umzugehen lernt. 

Um die Schäden so gering wie möglich zu halten, informieren Sie sich, aber richtig. Zum Beispiel beim BAG, der WHO oder beim Robert-Koch-Institut und hier. Schalten Sie hin und wieder Internet und TV ab. 

Gestalten Sie Ihren Alltag positiv, geben Sie ihm eine Struktur, halten Sie Routineabläufe mit festen Schlaf- und Essenszeiten ein, bewegen Sie sich, tanken Sie Sonne oder erledigen Sie Dinge, die Sie schon Jahre aufgeschoben haben. 

Helfen Sie einander, tauschen Sie sich aus. Wer Nachbarn beispielsweise bei Besorgungen hilft, tut auch etwas fürs eigene seelische Gleichgewicht. Versuchen Sie positiv zu denken, aber unterdrücken Sie negative Gefühle nicht und nehmen Sie diese an. 

Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Ängste und Sorgen nicht allein bewältigen zu können, reden Sie mit Ihren Angehörigen und Freunden und suchen Sie gemeinsam professionelle Hilfe. Wer den Verdacht einer psychischen Überbelastung bei anderen hegt, sollte sich nicht scheuen, das Problem anzusprechen. Eine Früherkennung und adäquate Behandlung können viel Leid ersparen. Aufgrund von social distancing lassen sich eine Psychotherapie oder zumindest eine psychologische Beratung vorübergehend auch per Skype/Videochat/Telefon durchführen. 

 

Bleiben Sie gesund - Ihre GULP Schweiz Redaktion

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