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Als EU-Bürger in der Schweiz arbeiten

Interview mit Michael Räther

12.03.2018
GULP Redaktion – Das Interview führte Maria Poursaiadi
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GULP: Wie hast du den Einstieg in der Schweiz empfunden?

MICHAEL RÄTHER: Ich war bereits vor Jahren schon mal in der Schweiz und somit war alles nicht allzu neu. Bezüglich der Arbeitsatmosphäre habe ich in der Schweiz überwiegend gute Erfahrungen gemacht.

 

GULP: Aus deiner Sicht - was ist eine temporäre Anstellung? Warum macht man das?

MICHAEL RÄTHER: Die temporäre Anstellung ist in Deutschland sehr gut mit der Arbeitnehmerüberlassung vergleichbar. Man ist bei einer Schweizer Personalverleihagentur angestellt, wie bei GULP Schweiz AG, und diese verleiht einen an den Endkunden. In der Schweiz ist dies der gängige Weg bei externer Projektunterstützung. Gedanken wegen Scheinselbstständigkeit muss man sich somit nicht mehr machen. Hingegen leistet man Beiträge an die Schweizer Sozialversicherungen (AHV, IV, ALV, etc.). Damit erwirbt man allerdings auch Ansprüche, welche sich teilweise auch nach Deutschland  „exportieren“lassen.

Für die genaue Zusammenstellung der Sozialversicherungbeiträge stellt GULP eine Beispielskalkulation zur Verfügung. Anhand dieser Kalkulation konnte ich bereits vor Stellenantritt genau sehen, wie sich die Abzüge gestalten. Ein weiterer Vorteil ist, dass man mit diesem Modell bei der Besteuerung der Auslandseinkünfte auf der sicheren Seite ist. Als Angestellter bei einer Schweizer Firma und in der Schweiz wohnhaft versteuert man in der Regel die Arbeitseinkünfte aus unselbstständigem Erwerb letztendlich nur in der Schweiz. In Deutschland erfolgt die Freistellung unter dem Progressionsvorbehalt.

 

GULP: Verliere ich meinen Status als Selbständiger in Deutschland bzw. welche Auswirkungen hatte es für Sie?

MICHAEL RÄTHER: In Deutschland bin ich weiterhin als Freelancer angemeldet. Da ich meinen Wohnsitz in Deutschland nie aufgegeben habe, bin ich dort auch weiterhin selbstständig. Bei längeren Einsätzen in der Schweiz können Verluste aus der Selbstständigkeit in Deutschland entstehen, da die Fixkosten bleiben und kaum betriebliche Einnahmen generiert werden. Diese kann ich hingegen durch Verlustvortrag oder Verschiebung in die Folgejahre steuerlich wieder geltend machen kann.

 

GULP: Welche Arbeitsbewilligung brauche ich bzw. wähle ich ich am besten? Wie bekomme ich diese?

MICHAEL RÄTHER:Bei Projekten bis zu drei Monaten genügt eine Online-Meldung durch den Arbeitgeber, das regelt GULP. Wenn es zu längeren Einsätzen kommt – entweder gleich von Beginn an länger oder durch Verlängerung – muss man sich bei der zuständigen Einwohnerkontrolle anmelden. Man geht ohne Termin hin und bringt diverse Dokumente mit wie Arbeitsvertrag, Mietvertrag, Personalausweis etc. Die genauen Informationen dazu finden sich auf den Webseiten der jeweiligen Wohngemeinden.

Bei Arbeitsverträgen bis zu einem Jahr sollte man eine L-Bewilligung (Kurzaufenthalter) bekommen. Bei Dauer von einem Jahr und länger sollte man eine B-Bewilligung (Aufenthalter) bekommen. Es kann einige Wochen dauern, bis die Bewilligung dann letztendlich vorliegt. Die Kosten für diesen Vorgang betragen ungefähr CHF 65.00. Alternativ gibt es noch die G-Bewilligung (Grenzgänger), welche eigentlich für Personen gedacht ist, die die Schweiz täglich wieder verlassen. Laut Experten vom Grenzgängerverein spielt bei der Art der Besteuerung die Art der Bewilligung (B-, L- und G-Bewilligung) jedoch keine Rolle. Meine persönlichen Erfahrungen basieren lediglich auf den L- und B-Bewilligungen.

 

GULP: Wie muss ich mich in der Schweiz krankenversichern? Wo mache ich dies am einfachsten? Welche Kosten kommen auf mich zu?

MICHAEL RÄTHER: Ist man länger als drei Monate in der Schweiz, braucht man eine Schweizer Krankenversicherung. Es gibt jedoch einen Antrag, sich von dieser Pflicht befreien zu lassen. Dabei muss man nachweisen können, dass eine Krankenversicherung im Ausland besteht und diese die Kosten für die gesundheitliche Betreuung in der Schweiz deckt. Meine private Krankenversicherung konnte mir die Kostendeckung für neun Monate ohne Beitragsanpassung bestätigen. Danach erhob sie zusätzliche Beiträge, da die gesundheitliche Betreuung in der Schweiz teurer ist. Seither zahle ich monatlich ca. 60 Euro mehr. Dieser Zusatzbeitrag fällt wieder weg, sobald mein Engagement in der Schweiz endet. Alternativ kann man die private Krankenversicherung in Deutschland auf ‚Anwartschaft‘ setzen (kostet monatlich ca. ein Drittel vom bisherigen Beitrag und der Versicherer muss einen ohne Gesundheitsprüfung wieder aufnehmen) und eine Krankenversicherung in der Schweiz abschliessen. Im Schweizer Gesundheitswesen besteht im Übrigen das Gesetz der Gleichbehandlung, das bedeutet eine generelle Aufnahmepflicht ohne Gesundheitsprüfung aller in der Schweiz lebenden Personen. Bei Bedarf kann für weitere Leistungen eine Zusatzversicherung abgeschlossen werden.

 

GULP: Brauche ich noch weitere Versicherungen?

MICHAEL RÄTHER: Ich habe noch eine Hausrat- und Privathaftpflicht Versicherung abgeschlossen. Bei der privaten Haftpflichtversicherung kann es sein, dass die Deckung bei längeren Auslandsaufenthalt nicht mehr greift. Man sollte sich daher beim Versicherer entsprechend erkundigen.

 

GULP: Wo haben Sie Ihre Einnahmen versteuert? In der Schweiz oder in Deutschland?

MICHAEL RÄTHER: In der Schweiz wird mir nebst den Sozialversicherungsbeiträgen die Quellensteuer direkt vom Lohn abgezogen. Diese Abzüge sind auf dem monatlichen Lohnblatt ersichtlich. Im Folgejahr erhalte ich ausserdem eine Jahresübersicht. Die Quellensteuer ist abhängig vom Wohnkanton und somit optimierbar. Der Quellensteuer-Rechner von Comparis leistet hier einen guten Dienst.

Behält man seinen Wohnsitz und somit Lebensmittelpunkt in Deutschland, ist man dort weiterhin uneingeschränkt steuerpflichtig. Das bedeutet jedoch lediglich, dass man in Deutschland eine Steuererklärung einreichen und dort das „Welteinkommen“ angeben muss. Man gibt also die Einkünfte aus unselbstständiger Arbeit in der Schweiz unter

„Auslandseinkünfte“ an. Als Basis hierfür dient die Jahresübersicht über den Lohn. Hat die Schweiz das Besteuerungsrecht über diese Einkünfte – nicht immer gegeben, aber Normalfall bei temporärer Anstellung bei einem Schweizer Arbeitgeber – und diese bereits vollumfänglich der Quellensteuer unterworfen, so darf das deutsche Finanzamt diese Einkünfte nicht noch einmal besteuern. Laut Doppelbesteuerungsabkommen Deutschland– in der Schweiz erfolgt die „Freistellung unter Progressionsvorbehalt“. Bei der deutschen Steuer kann man dann auch die Kosten für den Wochenaufenthalt geltend machen, was freilich nur Sinn macht, wenn in der gleichen Steuerperiode Steuern in Deutschland anfallen.

Die Steuerlast in der Schweiz kann man nachträglich auch noch mindern, indem man einen Antrag auf „Korrektur der Quellensteuer“ stellt und dabei die tatsächlichen Kosten für den internationalen Wochenaufenthalt (oder eine Pauschale von CHF 1.500 monatlich) geltend macht.

Ist man mehrere Jahre in der Schweiz und verdient mehr als CHF 120.000 im Jahr, ist es in manchen Kantonen möglich, dass die Steuerbehörde in der Schweiz Personen nachträglich „ordentlich“ veranlagen möchte. Konkret bedeutet dies, dass man in der Schweiz ebenso eine Steuererklärung machen muss, man letztendlich keine Quellensteuer in Schweiz mehr bezahlt, sondern stattdessen wie ein Schweizer besteuert wird. Das kann günstiger oder teuerer als die Quellenbesteuerung sein. Letztendlich hat man als Ausländer mit Wohnsitz und Lebensmittelpunkt in Deutschland die Wahl, ob man den Aufwand betreiben möchte.

 

GULP: Wie wohnen Sie? Gibt es Wohnungen mit flexiblen Vertragsmodellen?

MICHAEL RÄTHER: Ja, die gibt es. Ich war bisher grösstenteils in Zürich im Einsatz. Hier gibt es verschiedene Anbieter von Business Appartements, die man temporär mieten kann. Hier habe ich jeweils Angebote zwischen monatlich CHF 900 und CHF 1500 erhalten. Zum Steuern sparen lohnt sich auch der Blick nach Wohnraum in die Kantone Schwyz und Zug.

 

GULP: Das war sehr interessant. Herzlichen Dank an Sie, dass Sie sich die Zeit genommen haben!

 

Michael Räther 

Fachlicher Schwerpunkt: .Net Entwicklung und technischer Projektleiter.
Seit 2013 temporär bei der GULP Schweiz angestellt.

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