Marktstudie: Warum sind die Stundensatzforderungen der Schweizer IT-Freelancer höher?

(Juli 2009)
In der GULP Profiledatenbank sind derzeit 1.212 selbstständige IT-Experten mit Wohnsitz in der Schweiz eingetragen. Das sind im Vergleich zu den insgesamt über 70.000 IT-Freiberuflern im GULP Kandidatenpool noch wenige, relativiert sich aber im Vergleich von 7,7 Millionen Einwohnern in der Schweiz zu 82 Millionen Einwohnern in Deutschland. Die Anzahl der Schweizer IT-Freelancer in der GULP Profiledatenbank nimmt konstant zu. Zudem werden sie immer aktiver: Im Juni 2009 haben mehr als 30-mal so viele von ihnen ihr GULP Profil aktualisiert wie im Juni 2008. Anlass und Grund für GULP, die IT-Freelancer in der Schweiz genauer unter die Lupe zu nehmen. Besonders brennende Frage dabei: Warum verlangen die Schweizer IT-Freelancer im Schnitt höhere Honorare als die anderen im deutschsprachigen Raum?
Für diese Marktstudie wurden einerseits GULP Profile von IT-Freelancern mit Wohnsitz in der Schweiz ausgewertet (zum Beispiel nach Stundensatz, Lebensalter, Berufserfahrung, Herkunft), andererseits die über den GULP Server zugestellten Projektanfragen, in denen externe IT-Spezialisten für die Schweiz gesucht wurden (für die Nachfrage).
Brennpunkt Stundensatz
 
Der durchschnittliche Stundensatz der in die GULP Profiledatenbank eingetragenen externen IT-Spezialisten mit Wohnsitz Schweiz liegt 23 Schweizer Franken (15 Euro) über dem allgemeinen Durchschnitt: Während alle bei GULP eingetragenen IT-Freelancer (inklusive der mit Wohnsitz in der Schweiz) laut GULP Stundensatzauswertung im Schnitt 107 Schweizer Franken (71 Euro) pro Stunde fordern, verlangen IT-Freelancer mit Wohnsitz Schweiz im Juni 2009 130 Schweizer Franken (86 Euro).
Stundensatzforderungen der in der GULP Profiledatenbank eingetragenen IT-Freelancer mit Wohnsitz in der Schweiz.
In der Schweiz ist das Modell der Temporärbeschäftigung weit verbreitet (siehe Artikel "Projekteinsatz in der Schweiz: Die temporäre Festanstellung"). Kann es daher sein, dass der Begriff "Stundensatzforderung" anders verstanden wird? Falls ja, dann müsste der geforderte Stundensatz brutto und vor allem netto jedoch niedriger anstatt höher sein, denn in den befristeten Arbeitsverträgen werden – wie bei jeder Festanstellung – Abgaben von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen und nicht in vollem Umfang vom Selbstständigen.

Also: Ein gutes Fünftel (20,7 Prozent) der Schweizer IT-Freelancer verlangt Stundensätze über 151 Schweizer Franken (100 Euro), das sind 2,4-mal so viele wie der allgemeine Durchschnitt (8,7 Prozent). Unter 91 Schweizer Franken (60 Euro) verlangen nur 3,8 Prozent der IT-Spezialisten mit Wohnsitz Schweiz (alle: 20,9 Prozent). Die Grafik verdeutlicht es: Die Schweizer IT-Freiberufler fordern einen deutlich höheren Stundensatz als der Durchschnitt aller bei GULP eingetragenen IT-Selbstständigen. Warum?
Höhere Stundensätze aufgrund der Positionen?
 
Ist es so, dass die Schweizer IT-Freiberufler überdurchschnittlich häufig in Positionen tätig sind, die höhere Stundensätze fordern – zum Beispiel Trainer? Zwischen Projektleiter und Administrator liegt bei allen in die GULP Profiledatenbank eingetragenen IT-Freiberuflern eine Differenz von 32 Schweizer Franken (21 Euro), wie die GULP Stundensatzauswertung zeigt.

Bei den Schweizer IT-Freelancern besteht zwischen der Position mit der höchsten und der mit den niedrigsten Honorarforderung ein Unterschied von 27 Schweizer Franken (18 Euro), also erstrecken sich die Forderungen über eine ähnlich große Bandbreite. Am meisten fordern die Trainer (146 Schweizer Franken, 96 Euro), das sind 41 Schweizer Franken (27 Euro) mehr als die Trainer im allgemeinen Durchschnitt aller IT-Freiberufler verlangen. Am wenigsten fordern wie auch bei allen IT-Selbstständigen die Administratoren (119 Schweizer Franken, 78 Euro), aber die Schweizer Administratoren verlangen immerhin 32 Schweizer Franken (21 Euro) mehr als der allgemeine Durchschnitt. Insgesamt sind die Schweizer Forderungen bei allen Positionen höher.
Geforderter Stundensatz der IT-Freelancer mit Wohnsitz Schweiz
Die Softwareentwickler sind von allen IT-Freiberuflern in der GULP Profiledatenbank anteilsmäßig die größte Gruppe und haben demzufolge den meisten Einfluss auf den Stundensatz-Durchschnitt. Ist es so, dass in der Schweiz die Positionen mit den höchsten Forderungen den größten Anteil für sich beanspruchen? Nein. Mit 35,9 Prozent sind die Softwareentwickler auch dort anteilsmäßig die größte Gruppe. Nur 9,3 Prozent der Schweizer IT-Selbstständigen arbeiten als Trainer. Hier kann nicht die alleinige Erklärung für die allgemein hohen Forderungen in der Schweiz zu finden sein.
Höhere Stundensätze aufgrund höherer Lebenshaltungskosten?
 
Liegt es schlicht an den höheren Lebenshaltungskosten in der Schweiz, dass die IT-Freelancer dort mehr pro Stunde verlangen? Grundsätzlich sind die Lebenshaltungskosten in der Schweiz sehr unterschiedlich. Während man ein Standard-Hotelzimmer in Bern für 90 bis 105 Schweizer Franken (60 bis 70 Euro) pro Nacht bekommt, kostet ein vergleichbares in Zürich 180 bis 195 Schweizer Franken (120 bis 130 Euro). Fast die Hälfte der Schweizer IT-Freelancer im GULP Kandidatenpool wohnt jedoch in und um Zürich (siehe Abschnitt "Regionale Verteilung"). Die andere Hälfte wird wohl oft für Projekte nach Zürich reisen müssen, denn 62,8 Prozent der Schweizer IT-Projekte über GULP sind für diese Stadt ausgeschrieben. Die oben beschriebenen durchschnittlichen Stundensatzforderungen gelten demnach vor allem für die Region Zürich.

Über Lebenshaltungskosten werden immer wieder internationale Studien durchgeführt. Eine aussagekräftige ist die "Mercer’s cost of living survey" der Unternehmensberatung Mercer. In der zuletzt durchgeführten Studie 2008 wurden die Lebenshaltungskosten in 143 Städten auf sechs Kontinenten berechnet – mit einbezogen wurden unter anderem jeweils Unterkunft, Transport, Lebensmittel und Unterhaltung. Die teuerste Stadt der Welt ist demnach Moskau (142,4 Indexpunkte, als Mittel: New York City=100,0 Indexpunkte), auf Platz zwei und drei folgen Tokyo (127,0) und London (125,0). Die beiden betrachteten Schweizer Städte liegen auf den Plätzen 8 (Genf: 115,8) und 9 (Zürich: 112,7). Die teuerste deutsche Stadt München folgt erst auf Platz 37 (93,1), gefolgt von Berlin auf Platz 38 (93,0) und Frankfurt am Main auf Platz 40 (92,5). So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass die Schweizer IT-Freelancer um 21,1 Prozent höhere Stundensätze fordern als alle IT-Freiberufler.

Auch das Schweizerische Bundesamt für Statistik schreibt in seiner Publikation "Panorama" vom Februar 2009: "Das Preisniveau der Schweiz ist gemäß den Berechnungen des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften immer noch höher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Es lässt sich jedoch in den letzten Jahren auch für die Schweiz eine deutliche Preiskonvergenz zum europäischen Durchschnitt hin feststellen. Der Abstand zum Mittelwert der EU-Mitgliedsländer hat sich von 37 Indexpunkten oder Prozent im Jahr 2000 auf 22 Prozent im Jahr 2007 verringert (EU 27 = 100)." Der Abstand zum Preisniveau des Nachbarland Deutschlands betrug im Jahr 2007 19 Prozentpunkte. Besonders hoch ist im europäischen Vergleich das Schweizerische Preisniveau für Wohnungen (160 Punkte) und Nahrungsmittel (136 Punkte).

Wenn es übrigens so ist, dass sich das Preisniveau der Schweiz und das der EU-27-Länder weiter annähern, dann darf wohl damit gerechnet werden, dass sich langfristig auch die erzielbaren Stundensätze (und damit die Stundensatzforderungen) der IT-Freelancer angleichen werden. Tatsächlich machen sich erste Veränderungen bemerkbar, sichtbar an den aktuellen Profilaktualisierungen pro Monat: 39,9 Prozent der bei GULP eingetragenen Schweizer IT-Freelancer, die im Juni 2009 Angaben in ihrem Profil geändert haben, hatten nach der Aktualisierung einen Stundensatz von unter 121 Schweizer Franken (80 Euro) eingetragen. Im Februar 2009 waren das nur 26,9 Prozent. 29,4 Prozent der Schweizer Profil-Aktualisierer im Juni 2009 hatten nach den Änderungen eine Honorarforderung von über 136 Schweizer Franken (90 Euro) im Profil stehen – im Februar 2009 waren es 46,1 Prozent. Ein Grund für diese Veränderungen ist zudem die momentan angespannte Wirtschaftslage sein, die auch vor der Schweiz nicht Halt macht.
Höhere Stundensätze aufgrund der Branchen?
 
Der Großteil der Schweizer Projekte über GULP wird bei Endkunden aus den Branchen Banken, Versicherung und Pharma durchgeführt. 63,9 Prozent der bei GULP eingetragenen IT-Freelancer mit Wohnsitz Schweiz haben laut ihrem Profil Erfahrung in den Bereichen Bank, Finanz, Kredit und ähnlichen. Das ist ein weiterer Grund für die hohen Stundensatzforderungen der Schweizer IT-Freelancer: Denn während alle bei GULP eingetragenen IT-Freiberufler durchschnittlich 108 Schweizer Franken (71 Euro) pro Stunde fordern, liegen die Honorarvorstellungen aller Selbstständigen in der Bank- und Versicherungsbranche bei 120 Schweizer Franken (79 Euro), also um 12 Schweizer Franken (8 Euro) höher. Höhere Lebenshaltungskosten und ein großer Anteil der Beschäftigten in "hochpreisigen" Branchen sind also Gründe für erhöhte Stundensatzforderungen. Nicht überall in der Schweiz, nicht in jedem Auftrag und nicht zu jeder Zeit lassen sich aber so hohe Honorare durchsetzen. Außerdem spüren auch die Schweizer Freelancer derzeit einen Preisdruck – vor allem im Finanzbereich. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Forderungen der selbstständigen IT-Experten mit Wohnsitz in der Schweiz entwickeln werden; erste Anzeichen sind wie oben erwähnt erkennbar. Welche anderen Merkmale kennzeichnen die freiberuflichen IT-Spezialisten in der Schweiz?
Das Alter und die Berufserfahrung
 
Lebensalter der in der GULP Profiledatenbank eingetragenen IT-Freelancer mit Wohnsitz in der Schweiz.
Beim Alter gibt es in der Schweiz im Gegensatz zu den Stundensätzen keine bemerkenswerten Unterschiede. Während alle IT-Freiberufler im Durchschnitt 43 Jahre alt sind, sind die Schweizer im Schnitt 44. Die relative Mehrheit der Schweizer IT-Freelancer ist zwischen 40 und 44 Jahre alt (25,9 Prozent), das ist auch bei allen so (26,6 Prozent).
Berufserfahrung der in der GULP Profiledatenbank eingetragenen IT-Freelancer mit Wohnsitz in der Schweiz.
Bei der Berufserfahrung wird es wieder ein bisschen spannender: Die Zehn-Jahres-Grenze ist in der Schweiz noch etwas stärker ausgeprägt. Fast keine der bei GULP registrierten Schweizer IT-Freelancer haben unter zehn Jahren Berufserfahrung (nur 3,3 Prozent, im Gegensatz zu 7,3 Prozent von allen IT-Freiberuflern). Auf zehn bis 14 Jahre Erfahrung blickt die relative Mehrheit aller IT-Selbstständigen (25,4 Prozent) zurück, aber nur 20,0 Prozent der Schweizer. Tendenziell haben die Schweizer IT-Freelancer also etwas mehr Berufserfahrung.

Auch das passt ins Bild: IT-Freiberufler mit mehr Berufserfahrung fordern in der Regel höhere Stundensätze, wie die GULP Stundensatzauswertung zeigt: IT-Selbstständige mit unter zehn Jahren Berufserfahrung verlangen im Allgemeinen durchschnittlich 86 Schweizer Franken (57 Euro) pro Stunde, IT-Freiberufler ab zehn Jahren Berufserfahrung 109 Schweizer Franken (72 Euro), das sind 26,3 Prozent mehr.
Die regionale Verteilung
 
Regionale Verteilung der in der GULP Profiledatenbank eingetragenen IT-Freelancer mit Wohnsitz in der Schweiz.
Fast die Hälfte der bei GULP eingetragenen Schweizer IT-Experten wohnt in der Region Zürich/Thurgau (CH8). In den westschweizer Postleitzahlgebieten CH1 (Lausanne, Genf) und CH2 (Neuchâtel, Le Locle), wo vorwiegend Französisch gesprochen wird, sind nur drei Prozent der IT-Freelancer zu Hause – was nicht verwunderlich ist, da GULP sich an den deutschsprachigen IT-Projektmarkt richtet.
Die Nachfrage
 
Anteil der Projektofferten in der Schweiz an allen über GULP angebotenen IT-Projekten von Juni 2008 bis Juni 2009.
In den letzten zwölf Monaten wurden über die GULP Server 4.961 Projektanfragen für die Schweiz verschickt, das sind mehr als 400 pro Monat. Diese gingen bevorzugt, aber nicht nur an IT-Freelancer mit Wohnsitz in der Schweiz. Grundsätzlich werden natürlich diejenigen IT-Freiberufler kontaktiert, die für das Projekt aufgrund ihrer Qualifikation am besten in Frage kommen. Wie die Grafik zeigt, sind IT-Experten für die Schweiz im Juni 2009 (4,9 Prozent aller Anfragen) in Relation zu allen über GULP angebotenen Projekten in etwa genauso gefragt wie im Vorjahresmonat (4,7 Prozent). Über zwölf Monate betrachtet wurden in 4,3 Prozent aller über GULP versandten Projektofferten Projekte in der Schweiz angeboten.

Mehr Informationen zum Thema bei GULP:

  • GULP Schweiz AG: Partner für Freelancer und unabhängige Berater aus dem Bereich IT
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Kommentare zu diesem Artikel:

"Also viel mehr als vorher weiß ich jetzt nicht: Dass die höheren Stundensätze im wesentlichen an den höheren Lebenserhaltungskosten und dem überproportionalen Anteil des Finanzsektors liegen, war mir auch ohne diesen Artikel klar. Auch dass der Trend nach unten geht, ist klar, die Schweizer Firmen versuchen, offenbar mit Erfolg, eben durch das Engagieren von deutschen und österr. Freelancern das Preisniveau nach unten zu drücken, und locken diese mit etwas höeren Stundensätzen und die meisten scheinen darauf reinzufallen ohne die höheren Unterhaltskosten dort zu bedenken. Außer dem Ergebnis, dass das höhere Stundensatzniveau am höheren Altersschnitt liegt, sowie die regionalen Unterschiede samt ein paar Zahlenfakten weiß ich jetzt auch nicht mehr als vorher. Im übrigen sage ich jedem Anfrager, dass für mich ein Projekt in der Schweiz erst dann in Frage kommt, wenn ich in der EU keines finde, was wohl nicht so schnell passieren wird. Der Hauptgrund abgesehen von dieser oben beschriebenen Übertölpel-Mentalität ist der Verwaltungsaufwand, weil die Schweizer sich einen Sonderstatus herausnehmen und nicht der EU beitreten wollen. Gut, aber dann müssen sie halt auch alleine bleiben. (September 2009)"

"schön zusammengefasst und erklärt. (August 2009)"

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