Unternehmensgröße, Rolle, Geschlecht – was hat welchen Einfluss auf Verdienst von Freelancern und Festangestellten?
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Branche, Abschluss, Erfahrung, Alter: Was hat den grössten Einfluss auf Freelancer-Honorare?

Ergebnisse der GULP Arbeitsleben Studie 2021

04.05.2022
Susann Klossek – freie Journalistin und Autorin
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Die wichtigste und spannendste Kennzahl für IT- und Engineering-Freelancer ist und bleibt der Stundensatz. Der durchschnittliche All-inclusive-Stundensatz (inklusive Reisekosten, Spesen usw.) der Schweizer Studienteilnehmenden im Jahr 2021 lag bei 137,68 Franken. Das sind 9,4 Prozent weniger als bei der vorherigen Umfrage (2020: 151,97 Franken)

Über die GULP Arbeitsleben Studie

Seit 2013 liefern GULP Studien einen Überblick über Stundensätze, Projekte und Auslastung von freien Mitarbeitenden der IT- und Engineering-Branche. An der aktuellen Arbeitsleben-Studie nahmen im Zeitraum von Juni 2021 bis Januar 2022 insgesamt 781 Unternehmen sowie freie und festangestellte Mitarbeitende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Sie gaben Auskunft über Überstunden und Verdienst, Arbeitsleben, Zufriedenheit, Anforderungen an Unternehmen und Experten sowie Trends.

 

Zu allen Ergebnissen

Finanzsektor nicht mehr der Top-Bezahler

Die Stundensätze schwanken bekanntlich je nach Branche, Region, Unternehmensgrösse, Ausbildung, Berufserfahrung sowie Alter und Geschlecht. Nicht immer treffen die Zahlen die gängigen Erwartungen.

Nach Branchen aufgeschlüsselt haben sich einige Verschiebungen aufgetan: Einsamer Spitzenreiter beim Verdienst ist derzeit der Energiesektor mit einem Durchschnittsstundenlohn von 200 Franken. Auch wenn der Wert aufgrund relativ weniger Antworten mit Vorsicht zu geniessen ist: Coronakrise, Klimawandel und steigende Energiepreise haben sicherlich dazu beigetragen, dass Experten und Expertinnen hier momentan gutes Geld verdienen können.

Nach wie vor sehr gut verdient man auch in der Versicherungsbranche (168 Franken). Beim Öffentlichen Dienst und in den Behörden gab es einen Schub nach oben (163 Franken); der Banken- und Finanzsektor musste hingegen mit knapp 134 Franken etwas Federn lassen. Der IT-Sektor selbst liegt heuer auf Platz acht.

Balkendiagram: Freelancer in der Energiebranhce verdienen am meisten

Die Mittelgrossen sind am lukrativsten

Die Annahme, je grösser und internationaler ein Unternehmen, desto besser die Bezahlung, konnten die Umfrageergebnisse nicht bestätigen. Demnach zahlen Firmen mit 101 bis 500 Beschäftigten mit einem Durchschnittsstundensatz von 145 Franken, gefolgt von Betrieben mit 501 bis 1000 Angestellten und 141 Franken ihren freien Mitarbeitenden die besten Honorare.

Die Grossen mit mehr als 5000 Beschäftigten weltweit zeigen sich mit 138 Franken weniger grosszügig. Der geringste durchschnittliche Stundensatz ist bei den kleinsten Unternehmen zu finden: Wobei KMU (bis zu zehn Beschäftigte weltweit) mit 133 Franken Stundensatz noch etwas mehr als jene mit 11 bis 100 Mitarbeitenden (112 Franken) ausgeben. Auch hier gilt: Mehr Teilnehmer hätten vermutlich ein etwas differenziertes Bild abgegeben. Der Trend ist aber trotzdem ersichtlich.

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Projektmanagement weiterhin hoch im Kurs

Der Verdienst in der IT- und Engineering-Branche ist wie überall abhängig von der Position, welche man im Unternehmen oder einem Projekt innehat. Daher überrascht es wenig, dass Freischaffende in Projektleitung und Planung mit einem durchschnittlichen Stundensatz von knapp 150 Franken (2020: 154 Franken: 2019; 171 Franken) am meisten verdienen. Gefolgt von Beratern und Beraterinnen (rund 146 Franken) und, etwas abgeschlagen, die Fachexperten wie beispielsweise eine Big-Data-Analystin oder ein Java-Entwickler (126 Franken). In der Projektassistenz/Administration verdient man immer noch 111 Franken pro Stunde. Die Differenz zum Projektleiter liegt bei 26 Prozent. In Deutschland ist die Diskrepanz mit 31 Prozent etwas höher.

Balkendiagram: Freelancer in der Projektleitung verdienen am meisten

Bildung zahlt sich aus

Betrachtet man die Stundensätze nach Art der Ausbildung und des Abschlusses ist klar ersichtlich, dass für Spitzenhonorare eine höhere Fachschule mit eidg. Diplom oder ein Master praktisch unabdingbar sind. Kandidat:innen mit einem eidgenössischen Diplom von einer höheren Fachschule, für das in der Regel eine mehrjährige Berufspraxis vorausgesetzt wird, verdienen mit einem Stundensatz von 151 Franken (2020: 145 Franken) sogar etwas mehr als ihre Kollegen mit Master-Abschluss (143 Franken; 2020: 156 Franken).
Wer «nur» mit einem Bachelor abgeschlossen hat, erhält mit knapp 120 Franken pro Stunde (2020 waren es noch 145 Franken) etwa 13 Prozent weniger als der Durchschnitt (138 Franken). Damit liegt der Wert für Bachelor noch unter jenem von Kandidaten mit Maturaabschluss (132 Franken; 2020: 127 Franken). Wer sich nach dem Bachelorstudium oder Gymnasium nicht weiterbildet, muss sich im Vergleich zum Durchschnitt mit erheblichen Honorar-Einbussen zufriedengeben.

Balkendiagram: Freelancer mit einem Abschluss an einer höheren Fachschule verdienen am meisten

Freelancer und Freelancerinnen mit Universitäts-/ETH-Abschluss liegen mit einem Stundensatz von 133 Franken erstaunlicherweise auch unter dem Durchschnittsverdienst. Das sah vor zwei Jahren noch anders aus: Da verdienten Uni/ETH-Absolventen mit 171 Franken um die 12 Prozent mehr als der Durchschnitt. Allerdings nur, wenn sie auch einen Doktortitel vorzuweisen hatten. Fehlende Berufspraxis dürfte einer der Gründe für die geringere Bezahlung sein. Denn Praxiserfahrung wird geschätzt: Die Berufslehre hat mit 136 Franken 2021 von Platz fünf auf Rang drei etwas an Wert gewonnen, wird aber im Vergleich zu 2020 um ca. 4 Prozent schlechter bezahlt.

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Die Jungen ziehen nach

Wer schon lange in seinem Job erfolgreich tätig ist, den Markt und die neuesten Trends kennt, geht auch mit dem nötigen Wissen und Selbstbewusstsein in Honorarverhandlungen. Berufserfahrung wird bei den Auftraggebern daher hochgeschätzt. Ideal scheint ein Erfahrungsschatz von 15 bis 20 Jahren zu sein – hier liegt der Stundensatz bei durchschnittlich 150 Franken. Bei allem, was drunter oder drüber liegt, schwanken die Stundenhonorare zwischen 105 und 145 Franken. Nur wer mit weniger als fünf Jahren Erfahrung aufwartet, wird signifikant schlechter bezahlt. 

Die Stundensatz-Umfrage, die Ende 2018 erstmals in der Schweiz separat durchgeführt wurde, ergab, dass die Freelancer in der Altersklasse zwischen 50 und 59 Jahren mit einem Durchschnitts-Stundenlohn von 160 Franken (4,36 Prozent über dem Mittelwert) damals bei weitem am besten verdienten. 2021 zeigt sich ein anderes Bild: Wer in den 50-ern ist, scheint verdienstmässig betrachtet, seinen Zenit erreicht zu haben. Die 50- bis 59-Jährigen erhalten einen Durchschnittsstundensatz von 143 Franken. Danach nimmt der Stundensatz rapide ab. Vor vier Jahren verdienten selbst Arbeitnehmende über 60 durchschnittlich 150 Franken und lagen damit nur knapp unter dem Mittelwert von 152 Franken. 

Deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren (ca. 122 Franken pro Stunde) verdienen die Expertinnen und Experten in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren. Ihr durchschnittliches Honorar ist mit 150 Franken vergleichsweise hoch. Auch hier sind allerdings aufgrund weniger Nennungen sowie zum Teil signifikanter Unterschiede hinsichtlich Berufsabschluss, Erfahrung sowie Branche des Auftraggebers Abstriche zu machen. 

Nach Geschlecht lassen sich aufgrund zu wenig weiblicher oder non-binärer Teilnehmenden keine Zahlen seriös auswerten. Nach wie vor verdienen Frauen und non-binäre Menschen in der Schweiz allerdings in vergleichbaren Positionen weniger als ihre männlichen Kollegen.

Ausblick rosig bis wolkig

Vor allem der anhaltende Fachkräftemangel spielt den meisten IT- und Engineering-Experten seit Jahren in die Hände. Hinzu kommen der digitale sowie der demografische Wandel. Zudem steigt nach wie vor das Interesse an Freelance-Arbeit und flexiblen, agilen Arbeitsmodellen generell. Wer sich also bereits gut positioniert hat, dürfte wenig Schwierigkeiten haben, sich auch 2022 lukrative Aufträge an Land zu ziehen. Ingenieure, die in Zeiten von Industrie 4.0 umdenken und die Grenzen zwischen Ingenieurwesen und Informatik überschreiten, dürften ebenfalls gut beschäftigt sein. 

Zudem: Nicht nur Markt, Qualifikation und Praxiserfahrung bestimmen die Höhe der Honorare: Die Besserverdiener unter den Freiberuflern können oft einfach besser argumentieren, haben einen guten Marktüberblick, halten sich über Trends auf dem Laufenden und wissen, wie sie klug verhandeln.

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